Wie die Washington Post meldet, ist am gestrigen 2. September in Moskau ein Neutralitätspakt zwischen der Sowjetunion und Afghanistan unterzeichnet worden.[1] Der Vertrag sieht vor, dass beide Länder im Falle eines bewaffneten Konfliktes mit einer dritten Macht strikte Neutralität bewahren.[1][2] Darüber hinaus beinhaltet das Abkommen weitreichende Garantien für die Nichteinmischung in die innere und äußere Politik der vertragschließenden Parteien.[1]
Die Kölnische Zeitung veröffentlicht weitere Einzelheiten des Dokuments. Demnach verpflichten sich beide Regierungen, keinerlei feindlichen Abkommen dritter Staaten beizutreten.[2] Ein wesentlicher Punkt ist zudem die Bestimmung, dass auf dem eigenen Staatsgebiet keine Elemente geduldet werden, deren Ziel der Kampf gegen den jeweiligen Vertragspartner ist.[2] Sollten künftig Meinungsverschiedenheiten auftreten, die sich auf diplomatischem Wege nicht beilegen lassen, sieht der Pakt gesonderte Verhandlungen über ein geregeltes Schlichtungsverfahren vor.[2]
Unterdessen berichtet die sowjetische Prawda von feierlichen Empfängen in Kabul anlässlich der Vertragsunterzeichnung.[3] An den Festlichkeiten in der sowjetischen Vertretung nahmen nach diesen Berichten hochrangige Vertreter der afghanischen Regierung teil. Unter den Teilnehmern befanden sich der Kriegsminister sowie der afghanische Außenminister Machmud Tarsi.[3]
Das Abkommen markiert einen erheblichen Erfolg für den sowjetischen Außenkommissar Tschitscherin (Georgi Tschitscherin), der seine weitreichende Bündnispolitik abseits der innerrussischen Auseinandersetzungen konsequent fortsetzt.[4] Die Deutsche Allgemeine Zeitung analysiert, dass Moskau damit nach dem Vertrag mit Angora vom Dezember 1925, dem persischen Abkommen im April und dem Berliner Vertrag mit Deutschland das System seiner Teilabkommen strategisch ausbaut.[4] Tschitscherins Diplomatie hat sich von dem alten zaristischen Prinzip verabschiedet. Dieses besagte, dass nur im Fernen Osten große Politik betrieben werde, wenn der Rücken im Westen gesichert war.[4] Stattdessen bemüht sich nun der Außenkommissar mit immenser Kühnheit, nach allen Seiten diplomatisch aktiv zu werden.[4]
Für das Britische Weltreich ergibt sich hieraus eine ernste strategische Herausforderung. Nach Angaben der Deutschen Allgemeinen Zeitung verliert Afghanistan durch den neuen Pakt nun seine traditionelle Rolle als Pufferstaat zwischen Russland und Indien.[4] Damit wird die Sowjetunion mittelbar zum direkten Nachbarn der indischen Kronkolonie.[4] Die außenpolitische Offensive Moskaus richtet sich offensichtlich gegen Großbritannien, mit dem die Gegensätze wieder besonders deutlich hervortreten. Gleichzeitig verhinderte die isolationistische Haltung der Vereinigten Staaten ein Ausgreifen nach Amerika.[4]
Aus dem Berliner Blatt geht hervor, dass im Kreml derzeit sogar ein umfassendes Dreiecksbündnis zwischen Russland, der Türkei und Persien in Vorbereitung sei.[4] Gelänge es der sowjetischen Diplomatie, Afghanistan an diesen entstehenden mittelasiatischen Block anzuschließen, wäre der britische Landweg von Ägypten nach Indien strategisch verschlossen. Diese Entwicklung entspringt allein dem bestehenden Gegensatz zwischen Großbritannien und Russland und ihr Ursprung liegt unverkennbar in Moskau.[4]