Die amerikanische Außenpolitik sieht sich in Europa zunehmend scharfer Kritik ausgesetzt. Insbesondere in Frankreich wächst der Unmut über die als heuchlerisch empfundene Haltung Washingtons, das einerseits unerbittlich auf der Rückzahlung der interalliierten Kriegsschulden beharrt, andererseits jedoch selbst eine expansive Hegemonialpolitik betreibt.[1] Wie der Pariser Figaro in einer Analyse darlegt, rechtfertigen transatlantische Kreise ihre harten finanziellen Forderungen gern mit dem vermeintlichen Imperialismus des alten Europas.[1] Die Vereinigten Staaten gebärden sich als moralische Lehrmeister, die durch den Entzug von Geldern angeblich europäische Machtbestrebungen einschränken wollen.[1]
Dem hält das französische Blatt die eigene Historie der Amerikaner entgegen.[1] Die Annexion von Texas und Niederkalifornien sei ein reiner Eroberungszug gewesen, und die wirtschaftliche Durchdringung Mexikos gleiche jenen Methoden, die europäische Mächte in anderen Teilen der Welt angewandt hätten.[1] Auch in Südamerika agiere Washington rein an eigenen Interessen orientiert. Beim alten Grenzkonflikt um Tacna und Arica zwischen Peru und Chile hätten die Vereinigten Staaten als Schiedsrichter versucht, sich durch die Einbeziehung Boliviens geschickt als lachender Dritter zu positionieren.[1]
Besonders augenfällig wird laut dem Figaro dieser Widerspruch auf den Philippinen.[1] Während die amerikanische Flotte einst vorgab, die Inseln vom spanischen Joch zu befreien, regiere General Wood den Archipel heute mit eiserner Hand.[1] Nachdem Proteste gegen seine Verwaltung bis in den amerikanischen Wahlkampf hineinwirkten, habe Präsident Coolidge den Untersuchungskommissar C. Thompson entsandt.[1] Dessen Schlussfolgerung sei eindeutig: Die Philippiner seien zur Selbstregierung unfähig — eine Feststellung, die frühere Unabhängigkeitsversprechen als haltlos erscheinen lasse.[1] Das Blatt rät den Amerikanern daher sarkastisch, an das biblische Gleichnis vom Splitter und vom Balken zu denken.[1]
Dass das Weiße Haus auf der internationalen Bühne unnachgiebig auftritt, zeigt sich auch in der europäischen Sicherheitspolitik. Dem Westfälischen Merkur zufolge hat Präsident Coolidge unlängst damit gedroht, den enormen Reichtum Amerikas für eine neue Rüstungskampagne zu verwenden, falls das finanziell angeschlagene Europa die amerikanischen Abrüstungsvorschläge weiterhin ignorieren sollte.[2] Die republikanische Presse in den Vereinigten Staaten bezeichnet diese Erklärung bereits als den schärfsten Schritt des Präsidenten seit seinem Amtsantritt.[2] Zwar beteuert Coolidge nach Informationen der Badischen Presse, dass die Regierung in Washington weiterhin zur Zusammenarbeit bei der Abrüstung bereit sei, doch bleiben die diplomatischen Spannungen bestehen.[3]
Auch beim geplanten Beitritt der Vereinigten Staaten zum Weltschiedsgerichtshof verhärten sich die Fronten. Coolidge verlangt die Akzeptanz der sogenannten fünften Reservation, die sicherstellen soll, dass Amerika mit denjenigen Völkerbundmitgliedern, die über Ratssitze verfügen, gleichgestellt wird.[3] Europa blickt indes mit wachsendem Misstrauen auf eine amerikanische Außenpolitik, die von moralischer Überlegenheit spricht, ihre eigenen Machtinteressen jedoch konsequent und rücksichtslos verfolgt.[1]