Ein offener Aufruhr innerhalb der Armee hat das spanische Direktorium unter General Primo de Rivera in die schwerste Krise seit seiner Machtübernahme gestürzt.[1] Über das gesamte spanische Festland sowie die Balearen und die Kanarischen Inseln wurde der Kriegszustand verhängt.[2] Alle Telegramme in das In- und Ausland unterliegen einer strengen Zensur und werden von den Behörden zurückgehalten. Dies verzögert die Nachrichtenübermittlung aus der Hauptstadt erheblich.[1] Die drastischen Maßnahmen der Militärregierung richten sich gegen eine umfassende Ausstandsbewegung in den Reihen der Artillerie.[3] Wie aus offiziösen Mitteilungen hervorgeht, hat sich der Konflikt zwischen dem Diktator und dem traditionsbewussten Offizierkorps in einer Weise verschärft, die das Eingreifen des Königs unumgänglich machte.[1]
Die dramatische Zuspitzung der Lage veranlasste König Alfons XIII., seine Sommerresidenz in San Sebastian fluchtartig zu verlassen.[4] In tiefer Nacht fuhren drei Automobile in den Straßen der Küstenstadt vor.[3] Im ersten Wagen saß der Monarch selbst, im zweiten der Herzog von Amiranda, während das dritte Fahrzeug mit Angehörigen der Spezialwache besetzt war.[3] Der König verließ San Sebastian um halb drei Uhr morgens und erreichte Madrid nach einer rasanten Fahrt von sieben Stunden.[4] Unmittelbar nach seiner Ankunft begab er sich in das Kriegsministerium, um mit General Primo de Rivera und dem Kriegsminister, dem Herzog von Tetuan, zu beraten.[4] Das diplomatische Korps in San Sebastian war durch die Ereignisse isoliert.[3] Der deutsche Botschafter in Spanien, Graf Welczek, fuhr sofort nach Bekanntwerden der Krise nach Madrid, während der amerikanische Botschafter in der Sommerresidenz verblieb.[3]
Die Wurzeln der gegenwärtigen Erhebung reichen bis in den Frühsommer zurück. Am 6. Juni hatte das Direktorium ein Dekret erlassen, das die bisherige Praxis der militärischen Beförderung nach dem Prinzip des Dienstalters abschaffte und stattdessen ein System der Beförderung nach Leistung einführte.[2] Zugleich wurden die Bezüge der Offiziere auf den Friedensstand herabgesetzt.[1] Dieser Eingriff in die traditionellen Privilegien der Truppe stieß auf erbitterten Widerstand. Seit Juni wurden zahlreiche Verstöße gegen die militärische Disziplin festgestellt.[5] Der schwelende Unmut gipfelte am vergangenen Wochenende in offener Rebellion. Der Chef der Artilleriesektion ordnete ohne Wissen und Ermächtigung des Kriegsministers an, dass alle beurlaubten Artillerieoffiziere sofort auf ihre Posten zurückkehren sollten.[1]
In der Folge brachen in mehreren Garnisonsstädten Meutereien aus. In Segovia, einer Hochburg der Waffengattung, verweigerte der Kommandeur des Artillerieregiments den Gehorsam und befahl seiner gesamten Garnison, in den Kasernen zu verbleiben.[5] Die Kadettenschule der Stadt sowie die Offiziere der Militärakademie in Valladolid schlossen sich der Bewegung an.[3] Dem Nieuwe Rotterdamsche Courant zufolge ließ der Kriegsminister daraufhin den Chef der Artilleriesektion sowie den meuternden Oberst in Segovia umgehend in Haft nehmen.[6] Die Auflehnung griff jedoch rasch auf andere Provinzen über. In Barcelona weigerten sich die Besatzungen zweier Artilleriekasernen, den Befehlen des Generalkapitäns Folge zu leisten und ihre Waffen niederzulegen.[6] Erst nachdem regierungstreue Infanterie und Kavallerie die Kasernen abgeriegelt hatten, gaben die Offiziere nach langen Verhandlungen ihre Haltung auf und unterwarfen sich der Disziplin, ohne dass Schüsse fielen.[6]
Weniger glimpflich verlief die Entwaffnung in Pamplona. Bei den dortigen Auseinandersetzungen kamen ein Leutnant und ein Soldat ums Leben, vier weitere Militärangehörige erlitten schwere Verwundungen.[6] In der Hauptstadt Madrid ging die Regierung derweil mit Härte vor. Am Sonntagmittag begab sich der Chef des Generalstabes persönlich in die Kaserne des ersten Feldartillerieregiments und forderte die Offiziere auf, ihre Kommandos niederzulegen.[7] Die Offiziere fügten sich. Im weiteren Verlauf des Tages wurden die gleichen Maßnahmen bei dem zehnten und zwölften Regiment durchgeführt.[7] Die Instrukteure der Artillerieschule sowie höhere Offiziere des Korps wurden systematisch in ihren Privatwohnungen verhaftet.[7]
Besondere Brisanz erhält die Krise durch Berichte über eine mögliche Ausweitung der Revolte auf die Flotte. Laut der Washington Post gehen aus Gibraltar alarmierende Meldungen ein, wonach die in Cadiz stationierten Kriegsschiffe gemeinsame Sache mit den meuternden Artilleristen machen.[4] Auch in Barcelona soll sich die Marine der gegen Primo de Rivera gerichteten Bewegung angeschlossen haben.[1] Sollte sich die Flotte tatsächlich dauerhaft auf die Seite der Rebellen stellen, wäre die Position des Diktators, trotz der Ausrufung des Belagerungszustandes, äußerst gefährdet.[3]
Die Regierung reagierte auf die Gehorsamsverweigerung mit besonderer Schärfe. Ein königliches Dekret ordnete die Suspendierung sämtlicher aktiver Artillerieoffiziere in Spanien an — mit Ausnahme jener, die in Marokko Dienst tun.[2] Ihnen wurden alle militärischen Funktionen, Privilegien und Gehälter entzogen.[2] Darüber hinaus ist es ihnen strikt untersagt, die Uniform zu tragen oder ihre Kasernen zu betreten.[8][1] Den einfachen Soldaten der Artilleriekorps wurde die Pflicht entzogen, den aktiven Offizieren zu gehorchen.[8] Reserveoffiziere übernahmen in den betroffenen Gebieten die Kommandogewalt, während sämtliche Munitionsfabriken und Zeughäuser des Landes unter neue militärische Leitung gestellt wurden.[6] Eine offizielle Note der Regierung lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Jede Auflehnung gegen die Maßnahmen des Direktoriums wird als Gehorsamsverweigerung vor dem Feinde behandelt.[9] Gleiches gilt für jene, die der Regierung bei der Unterdrückung des Aufruhrs die Unterstützung verweigern.[9]
Um die politische Legitimation seines Regimes zu unterstreichen, wandte sich Primo de Rivera mit einem umfassenden Manifest an das Land. Darin erinnert er an den dritten Jahrestag seines Amtsantritts, der die „eingeschlafene nationale Gewissenhaftigkeit“ geweckt habe.[5] Der Diktator rechtfertigt seine Herrschaft mit dem Hinweis auf die von ihm abgeschlossenen Aufgaben: die Befriedung Marokkos, die Bekämpfung von Terrorismus und Separatismus, die Stabilisierung der Währung sowie die Reduzierung der Wehrpflicht auf zwei Jahre.[5] Er hebt hervor, dass das parlamentarische System in Spanien gescheitert sei, und bittet den König sowie das Volk erneut um Vertrauen.[5] Die regierungstreue Patriotische Union beantragte die Abhaltung eines landesweiten Plebiszits vom 11. bis 13. September, um das Vertrauen der Nation in die Regierung zu bekräftigen.[10] Das Innenministerium hat diesem Gesuch bereits stattgegeben.[10]
Trotz dieser Bekundungen sehen internationale Beobachter ein mögliches Ende der Ära Primo de Rivera voraus. Die Chicago Tribune berichtet, dass Admiral Magaz, der vor drei Jahren das Direktorium mit aufbaute und heute als Botschafter beim Vatikan tätig ist, in Kürze vom König nach Madrid berufen werden könnte, um eine neue Regierung zu bilden.[9] Hinzu kommen außenpolitische Rückschläge, die das Prestige der Militärherrschaft beeinträchtigen. In diplomatischen Kreisen in Paris verdichten sich die Gerüchte, dass Spanien nach dem Scheitern seiner Forderungen bezüglich der Tanger-Zone eine vollständige Räumung des marokkanischen Protektorats erwäge.[3] Der Daily Mail zufolge haben die Vorbereitungen für den Rückzug der spanischen Truppen aus der Marokkozone bereits begonnen.[1]
Die Regierung in Madrid bemüht sich nun, das Bild vollständiger Kontrolle zu vermitteln. In einer halbamtlichen Erklärung ließ das Direktorium verlautbaren, dass der normale Zustand in Segovia wiederhergestellt und die Garnisonen in Andalusien und Katalonien sich allmählich unterordnen würden.[11] Der König habe General Primo de Rivera sein uneingeschränktes Vertrauen ausgesprochen und ihn mit der endgültigen Niederwerfung der Revolte beauftragt.[11] Die offizielle Lesart, dass die Krise gewaltfrei gelöst worden sei, steht im Widerspruch zu den bestätigten Opfern von Pamplona.[11] Die kommenden Tage werden zeigen müssen, ob die Verhaftung der Artillerie-Elite die spanische Armee langfristig befrieden kann oder ob die Unzufriedenheit in anderen Waffengattungen erneut ausbricht. Das Direktorium schloss seine jüngste Verlautbarung mit einer unmissverständlichen Drohung: Die Urheber dieses schweren Vergehens würden mit der größten Strenge zur Rechenschaft gezogen.[11]