Unmittelbar vor der geplanten Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund wirft eine enthüllte Geheimakte ein bezeichnendes Licht auf die wahren Machtverhältnisse in Osteuropa. Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung unter Berufung auf nordamerikanische Blätter wie den New York Herald und den New York American meldet, haben Polen und Rumänien eine umfassende Militärkonvention geschlossen.[1][2] Dieses Abkommen kam unter der aktivsten Mitwirkung Frankreichs zustande.[2] Die Tragweite des Bündnisses, das dem Völkerbund bisher verschwiegen wurde, offenbart sich insbesondere in einem Begleitschreiben des rumänischen Generals Petala vom 3. Juni 1926 an seinen Kriegsminister.[1][2]

In diesem Dokument wird die strategische Auffassung des französischen obersten Kriegsrates ungeschminkt dargelegt.[1] Laut der Badischen Presse geht der französische Generalstab davon aus, dass sich Deutschland im Falle eines Konflikts mit Polen am Rhein in der Defensive halten werde.[1] Die deutsche Hauptmacht würde demnach eine Offensive gegen Polen ergreifen, um ein Eingreifen Russlands zu provozieren.[1][2] Für diesen Fall ebenso wie für einen isolierten russisch-polnischen Krieg ermächtigt die Konvention die rumänischen Truppen, die polnische Grenze zu überschreiten.[1][2] Im Gegenzug erhalten die polnischen Streitkräfte das Recht, bei einem rumänisch-ungarischen oder rumänisch-bulgarischen Konflikt auf rumänisches Gebiet vorzurücken.[1][2] Den beiderseitigen Armeekommandanten wird ausdrücklich verboten, ohne Zustimmung beider Regierungen Waffenstillstandsverhandlungen aufzunehmen.[1][2]

Nach Angaben der Deutschen Allgemeinen Zeitung sehen die Pläne bei einem alleinigen russischen Angriff auf Polen eine rasche Offensive zur Besetzung der Dnjepr-Linie Witebsk—Mogilew—Gomel vor, da die polnisch-rumänische Mobilmachung der russischen um acht Tage voraus sein werde.[2] Zwar sollen die Truppen beider Staaten an der Ostgrenze unter eigenen Kommandos operieren, jedoch wird ihnen ein französischer Generalstabsoffizier als technischer Berater beigegeben.[1][2]

Da die französische Öffentlichkeit einer Entsendung eigener Truppen ablehnend gegenübersteht, schließt Paris eine direkte militärische Intervention zunächst aus.[1] Der französische Kriegsrat hat jedoch detaillierte Materiallieferungen nach Rumänien zugesichert.[1] Dem New York Herald zufolge umfasst die vom rumänischen Generalstab in Paris eingereichte Bedarfsliste die vollständige Ausrüstung für 200.000 Mann, zwölf schwere Geschütze sowie 200 Flugzeuge samt 50 Piloten und 30 Mechanikern.[1][2] Sobald die Feindseligkeiten eröffnet sind, soll zudem eine französische Militärmission unter Führung eines Generals nach Bukarest entsandt werden.[1]

In Berliner politischen Kreisen fragt man sich mit Recht, wie sich diese Vertragspolitik nach alter Methode der Geheimdiplomatie mit dem vielbeschworenen Geist von Genf verträgt.[2] Aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung ergibt sich die bittere Erkenntnis, dass gerade jene Mächte, die den Völkerbund als Instrument des Friedens preisen, zugleich massive Angriffsbündnisse schmieden.[2] Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass dieses Abkommen just zu dem Zeitpunkt bekannt wird, an dem der schwedische Delegierte Undén in Genf dafür eintritt, Deutschland ohne weitere Verzögerung den ständigen Völkerbundratssitz zuzuweisen.[2]

Während der laufenden Völkerbundtagung versuchen Entente-Kreise zudem, den deutschen Eintritt durch die gleichzeitige Schaffung neuer nichtständiger Sitze abzuschwächen.[2] Undén vertritt hingegen die Auffassung, dass zuerst Deutschland allein aufgenommen werden müsse.[2] Die Enthüllungen über den polnisch-rumänischen Pakt zeigen jedoch, dass die Organisation des Bundes von interessierter Seite wiederholt unterlaufen wird. Kleine Staaten wie Schweden oder die Schweiz stemmten sich fast allein gegen diesen Strom.[2] Deutschland muss nun rasch in die Lage versetzt werden, sein vollberechtigtes Votum gegen derartige diplomatische Zweigleisigkeiten abzugeben.[2]