Das sogenannte ‚Friedenslager‘ von Bierville hat seinen formellen Abschluss gefunden. Wie der Pariser Temps in einer ausführlichen Schilderung berichtet, endete der dortige Pazifisten-Kongress in einer Atmosphäre, die stark an eine landwirtschaftliche Ausstellung erinnerte.[1] Nach einem festlichen Bankett und der Ansprache eines Unterpräfekten wurde auf dem höchsten Punkt des Geländes eine „riesige blaue Fahne“ gehisst.[1] Diese soll nach dem Willen der Veranstalter fortan die offizielle Flagge des Völkerbundes darstellen.[1]

Dieser eigenmächtige symbolische Akt stößt in diplomatischen Kreisen auf teils spöttische Kritik. Dem Temps zufolge war in den Gründungsakten des Genfer Parlaments, die auf den Pariser Pakt zurückgehen, niemals ein eigenes Hoheitszeichen vorgesehen.[1] Selbst in den umfangreichen Berichten der amerikanischen Experten um Präsident Wilson, welche die Vorgänge der Jahre 1918 und 1919 aufzeichneten, findet sich nicht die geringste Erwähnung eines solchen Banners.[1] Das Blatt rügt das Vorgehen der Kongressteilnehmer daher als eine „außerordentlich fruchtbare Fantasie an symbolischen Improvisationen“, die jeder völkerrechtlichen Grundlage entbehrt.[1]

Der Vorfall in Bierville beleuchtet die aktuelle Hochkonjunktur der Friedensbewegung, die sich parallel zu den diplomatischen Verhandlungen bemerkbar macht. Während in Frankreich die blaue Fahne weht, tagte in Genf der XXV. Weltfriedenskongress unter der Leitung von Professor Favre.[2] Nach Angaben der Sächsischen Staatszeitung versammelten sich dort Persönlichkeiten von internationalem Ruf, darunter der französische Völkerrechtsgelehrte Georges Scelle und der belgische Senator Henri La Fontaine.[2] Die Delegierten strebten eine tatsächliche Aufwertung des Friedensbüros an, dessen Budget durch englische und amerikanische Zusagen erheblich aufgestockt werden soll.[2] Die Diskussionen in Genf reichten tief in die Grundlagen des Völkerrechts. Bei der Frage der staatlichen Souveränität trafen die traditionelle Auffassung von Professor Kebedgy und die modernere Sichtweise des Kölner Vertreters Honigsheim aufeinander.[2]

Der Kontrast zwischen dieser pazifistischen Begeisterung und der politischen Realität ist deutlich. Während die Friedensfreunde eigene Hoheitszeichen entwerfen, ringt der Völkerbundrat noch um seine endgültige Struktur. Nach Angaben der Kölnischen Zeitung ist Deutschland für viele die große Hoffnung derjenigen, die einen wirklichen Völkerbund anstreben, in dem die Nationen tatsächlich eine Stimme erhalten.[3] Die Erwartung ist groß, dass Deutschland den angestrebten ständigen Ratssitz bekommt, während hinter den Kulissen erbittert um die Mandate Polens und Spaniens gestritten wird.[3] Spaniens angedrohte Politik des Desinteresses belastet das internationale Staatensystem spürbar.[3] Die in Bierville gehisste blaue Fahne verkörpert einen hehren Wunschtraum, doch die politische Praxis in Genf erweist sich als ungleich komplexer.