Die drückende Spätsommerhitze im schlecht ventilierten Reformationssaal begleitete heute die feierliche Eröffnung der siebenten ordentlichen Völkerbundversammlung.[1] Die ohnehin unzureichende Akustik des Saales wurde durch das Pfeifen und Surren der Radioanlage sowie das Knistern der Projektoren erschwert. Diese tauchten die Delegierten in fahles Licht.[1] Das internationale Interesse an diesem historischen Treffen ist erheblich; nahezu 500 Pressekarten wurden ausgegeben, während etwa hundert weitere Gesuche abgelehnt werden mussten.[1] Anerkennend sei vermerkt, dass das Völkerbundsekretariat die deutschen Journalisten, die einen beträchtlichen Teil der Berichterstatter stellen, bei der Zulassung besonders wohlwollend behandelte.[1]
Die erste Sitzung wurde von dem bisherigen Präsidenten des Völkerbundrates, dem tschechoslowakischen Außenminister Edvard Beneš, geleitet.[2] In seiner Eröffnungsansprache, die auch mittels Telegrafie und Funk international übertragen wurde, betonte Beneš, dass der Völkerbund dem Ziel der Abrüstung spürbar nähergekommen sei. Zudem, so Beneš, errichte die Organisation auf dem Prinzip der Schlichtung ein neues politisches System.[3] Diese Zuversicht stieß jedoch in der internationalen Presse nicht überall auf Zustimmung. Der Pariser Figaro kritisierte den Optimismus der Rede scharf und warf der Genfer Institution vor, die Völker durch parlamentarische Illusionen einzulullen und prekäre Kompromisse zu verschleiern.[4] Nach Ansicht des französischen Blattes beruht die derzeitige Bereitschaft der Staaten zur Rüstungsbegrenzung nicht auf nachlassendem Nationalismus, sondern in erster Linie auf dem akuten Geldmangel der Regierungen.[4] Auch die Kölnische Zeitung merkte kritisch an, Beneš habe in seinen Ausführungen mit keinem Wort erwähnt, dass Deutschland bereits auf der unglücklichen März-Tagung in gewisser Weise „moralisch aufgenommen“ worden war.[5] Seine wärmsten Worte galten stattdessen den scheidenden Mitgliedern Spanien und Brasilien.[5]
Am späten Nachmittag um 16.40 Uhr trat die Vollversammlung zu ihrer zweiten Sitzung zusammen.[2] Zunächst erstattete der kubanische Gesandte Bethancourt den Bericht über die Prüfung der Vollmachten; dieser wurde ohne Debatte angenommen.[2] Anschließend schritt man zur geheimen Wahl des neuen Versammlungspräsidenten. Sämtliche Delegierte wurden namentlich aufgerufen und legten ihre Stimmzettel in die bereitstehende Urne.[2] Von den 48 abgegebenen Stimmen — die absolute Mehrheit betrug 24 — entfielen 42 auf den jugoslawischen Außenminister Momčilo Ninčić.[2]
Unter andauerndem, lebhaftem Händeklatschen nahm der neugewählte Präsident auf der Tribüne Platz.[2] In seiner Antrittsrede dankte Ninčić für die Ehre, die seinem Vaterland erwiesen wurde.[5] Gerade ein Land, das alle Schrecken und Verwüstungen des Krieges erlitten hat, hänge umso entschlossener am Völkerbund, dem Hüter des Friedens.[5] Er erklärte, die gegenwärtige Tagung bilde einen bedeutenden Wendepunkt in der Geschichte der Liga. Der Völkerbund, so Ninčić, werde trotz aller überwundenen Schwierigkeiten gestärkt aus ihr hervorgehen.[2] Die bevorstehende Mitwirkung eines neuen großen Volkes erfülle die Versammlung mit Vertrauen.[5] Dieser direkte Hinweis auf das Deutsche Reich fand ein Echo in aller Welt; die in Hongkong erscheinende China Mail hob hervor, dass es von besonderem Gewicht sei, wenn diese einladenden Worte gerade aus dem Munde eines Vertreters jenes Staates kamen, der im Weltkrieg schwer unter den Händen Deutschlands zu leiden hatte.[6] Ninčić warnte weiterhin, die fortwährenden Unkenrufe über einen bevorstehenden Zusammenbruch des Völkerbundes müssten gerade in solchen Ländern Besorgnis erregen, in denen der Glaube an einen dauerhaften Frieden bereits erschüttert ist.[5]
Bereits am Vormittag hatten sich die verschiedenen Kommissionen der Völkerbundversammlung konstituiert und ihre Vorsitzenden gewählt.[1] Wie das Berliner Tageblatt berichtet, fiel die Wahl für den ersten, den juristischen Ausschuss, auf den Schweizer Bundesrat Giuseppe Motta.[7] Den Vorsitz der zweiten Kommission, die sich mit technischen Organisationen befasst, übernahm der irische Delegierte Desmond FitzGerald, während der Chilene Enrique Villegas die dritte Kommission für Abrüstungsfragen leitet.[7] Zum Präsidenten des vierten Ausschusses für das Budget wurde der Rumäne Nicolae Titulescu gewählt; der fünfte Ausschuss für soziale Fragen steht unter Leitung des Österreichers Albert von Mensdorff-Pouilly-Dietrichstein.[7] Die politisch wichtige sechste Kommission führt der Belgier Louis de Brouckère an.[7] Im Anschluss wurden noch die formellen Schritte erledigt, die im Zusammenhang mit der bevorstehenden Aufnahme Deutschlands stehen.[8]
Über allen prozeduralen Akten steht die Erwartung des deutschen Beitritts. Der deutsche Verbindungsoffizier in Genf, Generalkonsul Gottfried Aschmann, wartet stündlich darauf, nach Berlin das telefonische Signal zur Abreise der deutschen Delegation zu geben.[1] In Berlin rechnet man damit, dass die Delegation unter Außenminister Gustav Stresemann am Mittwochabend die Hauptstadt verlässt, um am Freitagvormittag in die Arbeiten der Kommissionen eingreifen zu können.[1] In Kreisen der französischen Abordnung äußert man die ausdrückliche Zuversicht, dass keinerlei Hindernisse mehr bestehen und sowohl die Aufnahme als auch die Zuteilung der neuen nichtständigen Ratssitze reibungslos vollzogen werde.[5] Unter verschiedenen neutralen Mitgliedern herrscht hingegen eine gewisse Nervosität, da die Koppelung beider Fragen durch den Völkerbundrat als problematisch angesehen wird.[5]
Hinter den Kulissen wird derweil erbittert um die Details der Ratsumbildung gerungen. Wie die Prawda berichtet, kam es in dem betreffenden Unterausschuss zu heftigen Kontroversen.[9] Der polnische Vertreter Franciszek Sokal widersprach energisch dem Vorhaben, der Vollversammlung das Recht zu gewähren, die Wiederwählbarkeit nichtständiger Ratsmitglieder künftig ändern zu können.[9] Erst nach längerem Verhandeln lenkte der deutsche Vertreter Leopold von Hoesch ein; es wurde der Kompromiss erzielt, dass derartige Änderungen künftig nur in besonders außergewöhnlichen Fällen durch das Plenum erfolgen dürfen.[9] In den Wandelgängen wird indes lebhaft über die Vergabe der durch Brasilien und Spanien frei werdenden Sitze im Völkerbundrat spekuliert. China werden ernsthafte Chancen eingeräumt; Favoriten aus Südamerika sind insbesondere Chile und Kuba.[1]
Trotz der feierlichen Atmosphäre mangelt es nicht an mahnenden Stimmen. Der britische Politiker David Lloyd George äußerte heute in einem vielbeachteten Zeitungsartikel die Befürchtung, der idealistische Geist von Locarno sei bereits verflogen.[2] Das diplomatische Doppelspiel vom März werde, so Lloyd George, einen bleibenden Schatten des Misstrauens auf die Aufnahme im September werfen. Solange die tatsächliche Abrüstung nicht konsequent durchgeführt sei, blieben alle Pakte unvollständig.[2] Die Vollversammlung ließ sich von solchen Bedenken jedoch nicht beirren. Zum Abschluss der heutigen Sitzung verlas Präsident Ninčić ein Schreiben des Rates und ließ den Beschluss über die Erweiterung des Völkerbundrates offiziell auf die Tagesordnung der laufenden Tagung setzen.[2]