Die Tore des Reformationssaales sind für das Deutsche Reich weit geöffnet. Ein diplomatischer Krisentag erster Ordnung ist glücklich vorübergegangen, und was im März dieses Jahres noch unüberwindlich schien, wurde nun verwirklicht.[1] Die Völkerbundversammlung hat in ihrer heutigen Vormittagssitzung die Aufnahme Deutschlands in die internationale Staatengemeinschaft formell besiegelt.[1] Wie die Badische Presse meldet, stellte der Präsident der Vollversammlung, der jugoslawische Außenminister Momčilo Ninčić, unter langanhaltendem Beifall der Delegationen die einstimmige Aufnahme fest.[1] Er äußerte ausdrücklich den Wunsch, das neue Völkerbundmitglied so bald wie möglich an den Ufern des Genfer Sees willkommen zu heißen.[1]

Die Szenerie im Glassaal des Völkerbundpalais war von bemerkenswerter Eindringlichkeit. Besonders der französische Außenminister Aristide Briand, der Delegierte Joseph Paul-Boncour und der britische Vertreter Lord Robert Cecil beteiligten sich lebhaft an den Ovationen. Im Gegensatz dazu verfolgte der britische Außenminister Austen Chamberlain das Geschehen eher teilnahmslos.[1] Unmittelbar nach der Abstimmung veranlasste der Generalsekretär ein Telegramm an den Reichsaußenminister Gustav Stresemann, um der Reichsregierung mitzuteilen, dass die Versammlung sowohl die Aufnahme als auch die Resolution über die Zuteilung eines ständigen Ratssitzes gebilligt habe.[1]

Der Weg zu diesem Ergebnis war in den vergangenen Tagen durch ein vielschichtiges diplomatisches Verfahren vorbereitet worden. Nach Berichten der Kölnischen Zeitung hatte das Präsidium der Völkerbundversammlung in geheimer Sitzung beschlossen, die Aufnahme Deutschlands und die umstrittene Schaffung neuer Ratssitze in einer Abstimmung miteinander zu verbinden.[2] Das Plenum musste auf einem einzigen Stimmzettel sowohl über den neuen ständigen Sitz für Deutschland als auch über die Erweiterung der nichtständigen Sitze auf neun abstimmen.[3] Dem Berliner Tageblatt zufolge bedeutete diese Kopplung einen moralischen Zwang zur Annahme des Gesamtkompromisses.[3] Wer gegen die Erweiterung der nichtständigen Mandate stimmen wollte, hätte zugleich das deutsche Mandat ablehnen müssen.[3]

Vor allem die Vertreter der nordischen Staaten, die sich historisch stets gegen eine Schwächung des Völkerbundrates ausgesprochen hatten, äußerten Bedenken.[1] Der Schweizer Bundesrat Giuseppe Motta hatte dem Vorwärts zufolge jedoch bereits im Vorfeld der Rechtskommission deutlich gemacht, dass es sich hierbei um ein unteilbares politisches Kompromisspaket handele.[4] Um Verzögerungen zu vermeiden, bat Motta den norwegischen Delegierten Fridtjof Nansen mit Erfolg, in der Kommission auf das Wort zu verzichten und etwaige Erklärungen für die Vollversammlung aufzusparen.[4] Motta fasste die Lage der nordischen Staaten mit dem Leitsatz zusammen: „Primum vivere, deinde philosophare".[1] Hätte die norwegische Delegation dennoch ernsthaften Widerstand geleistet, war der Völkerbundrat entschlossen, jeglichen Versuch der Obstruktion entschieden zu unterbinden; Briand war bereit, nötigenfalls vom Rednerpult aus einzugreifen.[3]

Der Vorwärts übt in diesem Zusammenhang scharfe Kritik an gewissen deutschnationalen Kreisen, die sich über das Abstimmungsverfahren empörten und von einer angeblichen Schiebung sprachen.[4] Solche Treibereien, so das Blatt, brächten Deutschland in Genf fälschlicherweise in den Ruf der Nörgelei, und es sei an der Zeit, dass die zuständigen Berliner Regierungsstellen sich von dieser Art der Obstruktionspolitik entschlossen distanzierten.[4]

Unterdessen bereitet sich die Stadt Genf auf die Ankunft der deutschen Delegation vor. Laut dem Westfälischen Merkur ist das Hotel Metropole, das sich in unmittelbarer Nähe des Reformationssaales befindet, bereits mit den Farben des Reiches geschmückt.[5] Deutschland wird im Plenum durch Reichsaußenminister Stresemann, Staatssekretär Carl von Schubert und eine weitere führende Persönlichkeit vertreten sein.[5] Für die erste Kommission, welche Verfassungs- und Rechtsfragen behandelt, ist Stresemann selbst vorgesehen, während der volksparteiliche Abgeordnete Werner von Rheinbaben in der zweiten Kommission für technische Angelegenheiten tätig werden wird.[5] Wie der Figaro aus Paris ergänzend berichtet, gehören der Delegation auch militärische Sachverständige an, darunter Oberstleutnant Friedrich von Boetticher und Admiral Freiberg, die bei der Abrüstungskommission beratend mitwirken sollen.[6] Weiterhin geht aus französischen Regierungskreisen hervor, dass Deutschland voraussichtlich den Vorsitz einer Völkerbundkommission übernehmen wird; für die Kommission für soziale Fragen ist der sozialdemokratische Abgeordnete Rudolf Breitscheid im Gespräch.[6]

Einige politische Schatten liegen dennoch über den bevorstehenden Aufgaben. Der Völkerbundrat hat ohne Aussprache beschlossen, die politisch heikle Frage der Zurückziehung der französischen Truppen aus dem Saargebiet bis zur Wintertagung zu vertagen.[5] Auch die Strukturkrise des Rates ist noch nicht vollständig bereinigt, da die spanische Regierung weiterhin auf ihren Maximalforderungen beharrt. Die Moskauer Prawda berichtet, dass der Völkerbundrat das spanische Verlangen nach einem ständigen Sitz endgültig abgewiesen habe.[7] Die Bemühungen der Genfer Diplomatie richten sich nun darauf, das Kabinett in Madrid dazu zu bewegen, lediglich kein Interesse an den künftigen Arbeiten der Liga zu bekunden und von einer förmlichen Austrittserklärung abzusehen.[7]