Auf der Jahresversammlung des britischen Gewerkschaftskongresses in Bournemouth hat eine Botschaft aus Moskau für erhebliches Aufsehen gesorgt. Der russische Gewerkschaftsführer Tomski, dem die britische Regierung die Einreise zur Teilnahme am Kongress verweigert hatte, richtete ein scharf formuliertes Telegramm an die Delegierten.[1] Darin greift der Vertreter des allrussischen Zentralkomitees der Gewerkschaften die Londoner Regierung wegen des Einreiseverbots scharf an und wirft ihr vor, eine konservative Diktatur auszuüben, die den britischen Arbeitern ihre Rechte nehme.[2][3] Wie das Berliner Tageblatt berichtet, machte Tomski zugleich die britischen Gewerkschaftsführer, insbesondere den früheren Kolonialminister Thomas, für die Niederlage im letzten Generalstreik verantwortlich.[1] Thomas sei dem Kapital gegenüber zu loyal und der Arbeiterklasse illoyal; die russischen Arbeiter betrachteten das als unterwürfige Haltung.[1][4] In seinem Telegramm bezichtigte er die Streikführung offen des Verrats an den Bergarbeitern.[2][3]

Das Generalkomitee des Kongresses reagierte entschieden ablehnend auf die Einmischung aus der Sowjetunion. In einer offiziellen Erklärung wies die Führung Tomski den Vorwurf mangelnder Höflichkeit zurück und betonte, man habe nicht die Absicht, auf eine derart anmaßende Kritik zu antworten.[1][4] Nach Angaben des Pariser Temps rief der bei der Versammlung verlesene Text tiefe Verbitterung über den Tonfall des sowjetischen Abgesandten hervor.[5] In Kongresskreisen wird nun erwartet, dass dieser Vorfall zu einem endgültigen Bruch zwischen den britischen und russischen Gewerkschaftsorganisationen führen könnte.[5]

Dass die Wunden des gescheiterten Generalstreiks noch keineswegs verheilt sind, zeigten die stürmischen Szenen am Nachmittag des Kongresses. Als der Eisenbahnerführer Bromley (John Bromley) gegen eine Resolution sprach, die die Mitglieder zu verdoppelten finanziellen Anstrengungen für die Bergarbeiter aufrief, brach ein Tumult aus.[4] Delegierte der Bergarbeiter warfen Bromley Verrat vor und übertönten ihn mit Protesten. Der Vorsitzende musste die Sitzung unterbrechen, während einige Kongressteilnehmer das Lied der „Roten Fahne“ anstimmten.[4] Der Sekretär der Bergarbeiterföderation, Cook (A. J. Cook), appellierte an die Versammlung, keine Untersuchungen einzuleiten, die die um ihr Überleben kämpfenden Bergarbeiter gefährden könnten.[2] Es sei wichtiger, einen ehrenvollen Ausgleich für eine Million Bergarbeiter zu erreichen, als schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit zu waschen.[2] Ein Antrag, der die Politik des Generalkomitees verurteilte, wurde schließlich mit 3.098.000 gegen 1.600.000 Stimmen abgelehnt.[2]

Ein weiterer Schwerpunkt der Verhandlungen in Bournemouth war die Frage nach einer Ausweitung der Vollmachten für das Generalkomitee. Wie der Temps meldet, forderten radikalere Vertreter, dem Komitee das Recht einzuräumen, künftige Generalstreiks nach eigenem Ermessen auszurufen.[5] Der Delegierte Hallsworth (Joseph Hallsworth) rief dazu auf, sich nicht um formelle Kündigungsfristen zu scheren, sondern dann zuzuschlagen, wenn es möglich sei.[5] Andere Gewerkschaftsführer lehnten diese Forderung jedoch entschieden ab. Bevin (Ernest Bevin) von der Transportarbeitergewerkschaft warnte nachdrücklich vor voreiligen Beschlüssen. Der Eisenbahnervertreter Cramp (Concemore Thomas Cramp) fasste die ablehnende Haltung zur Wiederholung eines Generalstreiks zusammen und erklärte, man habe davon vorerst genug.[5]

Die Verhandlungen über eine Beilegung des Bergarbeiterstreiks kommen derweil nicht voran. Finanzminister Churchill (Winston Churchill) hat dem Präsidenten der Grubenbesitzervereinigung, Williams (Evan Williams), einen weitreichenden Kompromissvorschlag unterbreitet.[5] Dieser sieht eine nationale Konferenz in London vor, auf der allgemeine Prinzipien für eine Lösung festgelegt werden sollen. Auf deren Grundlage könnten dann regionale Abkommen geschlossen werden, die schließlich in ein landesweites Abkommen münden.[3][5] Die Grubenbesitzer zeigen jedoch wenig Bereitschaft, auf diesen Vorschlag einzugehen, da sie weiterhin auf rein regionalen Verhandlungen bestehen.[6][5] Laut dem Figaro verweigern mehrere Grubenbesitzer sogar die Teilnahme an der von Churchill angeregten Konferenz.[3] Die Arbeiterseite zeigt sich demgegenüber kompromissbereiter. Gleichwohl betonte der Gewerkschaftssekretär Cook, dass die Delegierten der Bergarbeiter vor Beginn der Verhandlungen nicht bereits auf Bedingungen festgelegt werden dürften.[3] Die Arbeitgeber rechnen offenbar damit, dass die Streikfront auseinanderfällt und die Bergarbeiter bei fortgesetztem Ausstand zur vollständigen Unterwerfung gezwungen werden.[6][5]

Unterdessen zieht die deutsche Kohleindustrie erheblichen Nutzen aus dem britischen Arbeitskampf. Laut der Prawda wies der Reichstagsabgeordnete Janschek auf einer Konferenz des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes darauf hin, dass Deutschland durch den Ausfall Großbritanniens neue Absatzmärkte erschließen konnte.[6] Die deutsche Kohleförderung sei gestiegen, und etwa zehntausend deutsche Bergarbeiter hätten wieder Arbeit gefunden. Dies stelle einen wirtschaftlichen Vorteil dar, der bei einer Wiedereröffnung der britischen Gruben unweigerlich zu einem erneuten Kampf um die Absatzmärkte führen würde.[6]