Die griechische Hauptstadt ist am Donnerstag zum Schauplatz schwerer und blutiger Straßenkämpfe geworden. Gegen 11 Uhr vormittags brach eine offene Meuterei gegen die Regierung des Ministerpräsidenten Kondylis (Georgios Kondylis) aus.[1] Im Zentrum des Aufstandes stand die sogenannte Republikanische Garde. Der kürzlich gestürzte Diktator General Pangalos (Theodoros Pangalos) hatte diese bewaffnete Formation einst ins Leben gerufen, um seine eigene Alleinherrschaft im Lande militärisch abzusichern.[2][3] Die neue Regierung Kondylis hatte angesichts der ständigen inneren Bedrohung die sofortige Entwaffnung und Auflösung dieser Garde angeordnet, da sie als eine von der regulären Armee völlig unabhängige Truppe operierte.[2][3] Unter der Führung der Obersten Zervas (Napoleon Zervas) und Dertilis (Vasileios Dertilis) verweigerten zwei Bataillone jedoch den strikten Gehorsam.[2][4] Sie zogen sich zunächst an den Stadtrand zur Endstation des Kifisia-Boulevards zurück und forderten, wie das Berliner Tageblatt meldet, den sofortigen Rücktritt der amtierenden Regierung.[2][1] Die Lage in der Metropole glich bald einer vollkommenen Anarchie.[2]

Dem Harburger Tageblatt zufolge ging den eigentlichen Kampfhandlungen ein dramatischer, aber trügerischer Verhandlungsversuch voraus. Gestützt auf den Willen der regulären Armee, ließ Ministerpräsident Kondylis am frühen Morgen die Kasernen der Garde von treuen Einheiten umzingeln.[4] Er forderte die rebellierenden Offiziere zur Übergabe auf und stellte finanzielle Zugeständnisse in Aussicht. So garantierte er ihnen bei einer widerstandslosen Kapitulation den Bezug eines angemessenen Ruhegehalts über mehrere Jahre hinweg — selbst im Falle eines freiwilligen Aufenthalts im Ausland.[4] Den einfachen Mannschaften der Republikanischen Garde bot die Regierung den unkomplizierten Übertritt in die staatliche Gendarmerie an.[4] Die Kommandanten Zervas und Dertilis erklärten sich zum Schein mit diesem Angebot einverstanden.[4] Sie baten jedoch eindringlich, die regulären Truppen aus dem unmittelbaren Umfeld der Kasernen zurückzuziehen, damit die Entwaffnung in einer weniger demütigenden Form erfolgen könne.[4] In der Hoffnung auf eine unblutige und rasche Lösung des Konflikts genehmigte Kondylis diese Bitte und gab den Befehl zum Rückzug.[4]

Dieser taktische Rückzug der Regierungstruppen wurde von der Republikanischen Garde jedoch sofort für einen militärischen Vorstoß ausgenutzt. In dem Augenblick, als der Belagerungsring um die Gebäude gelockert war, stießen die Meuterer unerwartet in Richtung des Stadtinneren vor und eröffneten das Feuer auf die abrückenden Soldaten.[4] Die Aufständischen ignorierten ein letztes Ultimatum zur friedlichen Übergabe und begannen ihren Vormarsch über den Kifisia-Boulevard in der Absicht, die strategisch wichtigen Regierungsgebäude zu besetzen.[2] Daraufhin entwickelte sich eine regelrechte Schlacht in den sonst belebten Straßen der Hauptstadt. Panzerwagen der Republikanischen Garde fuhren in hohem Tempo durch die Hauptverkehrsadern Athens und gaben während der Fahrt ununterbrochen und blindlings Schüsse ab.[4] Eine große Anzahl unbeteiligter Zivilisten fiel diesem rücksichtslosen Feuer zum Opfer.[4] Die nordamerikanische Washington Post berichtet, dass die loyalen Regierungstruppen hastig Barrikaden in den Straßen errichteten und von dort aus die anrückenden Rebellen unter schweren Beschuss nahmen.[2] Ein Versuch der aufständischen Fahrzeugbesatzungen, die Ministerien im Sturm zu nehmen, scheiterte an der disziplinierten Gegenwehr der dort postierten regulären Einheiten.[4]

Die Kämpfe breiteten sich rasch über das gesamte Stadtgebiet aus und nahmen weiter an Brutalität zu. Artilleriebatterien der Armee, die auf den Höhen rings um Athen in Stellung gegangen waren, eröffneten ein verheerendes Feuer auf die vorrückenden Verbände der Garde.[4] Die Regierung scheute keine Mittel und setzte außerdem Militärflugzeuge ein, die die erkannten Stellungen der Meuterer aus der Luft mit Bomben bedrohten.[2] Während der chaotischen Auseinandersetzungen explodierte die mitgeführte Munition in einem der aufständischen Panzerwagen.[2] Diese Detonation zerstörte das gepanzerte Fahrzeug vollständig und tötete einen Leutnant sowie zwölf weitere Soldaten oder verletzte sie schwer.[2] Derweil meldete die China Mail, dass ein bewaffneter Mob von Aufwieglern das Haupttelegrafenamt der Stadt angriff.[3] Es kam in den Korridoren zu einem heftigen Schusswechsel mit der militärischen Wache, deren Kommandant bei der Verteidigung des Gebäudes schwer verwundet wurde.[2] Isolierte Soldaten der Regierungsarmee wurden in verschiedenen Stadtteilen von der aufgebrachten Menge bedrängt, und Aufständischen gelang es vorübergehend, mehrere Panzerwagen aus den Beständen der Armee zu entwenden.[2] Einige Berichte aus London erwähnen zudem parallele Zusammenstöße mit lokalen kommunistischen Gruppierungen, die von den Regierungstruppen jedoch rasch unterdrückt wurden.[2]

Das schwere Gefecht, bei dem die reguläre Armee im Verlauf des Nachmittags durch ein aus Chalkis herbeigeführtes Regiment verstärkt wurde, dauerte beinahe drei Stunden an.[2][4] Als die Meuterer die Aussichtslosigkeit ihrer militärischen Lage erkannten, hissten sie schließlich die weiße Flagge.[2] Etwa tausend Mann ergaben sich bedingungslos, woraufhin die Obersten Zervas und Dertilis umgehend unter Arrest gestellt wurden.[2][3] Um eine drohende Lynchjustiz durch die aufgebrachte Zivilbevölkerung zu verhindern — die Bürgerschaft zeigte deutliche Empörung über das Vorgehen der Garde —, wurden die Rädelsführer zügig unter Bewachung in das Marinearsenal von Salamis überführt.[2] Die Opferzahlen dieser Erhebung sind beträchtlich: Während deutsche Tageszeitungen von vierzig Toten und über hundert Verwundeten sprechen, schätzen ausländische Blätter allein die Verluste in den Reihen der Meuterer auf mindestens fünfzig Gefallene.[2][4] Am späten Abend erklärte die Regierung offiziell, dass die Ordnung in der Hauptstadt wiederhergestellt sei und sie die volle Kontrolle ausübe.[3][4] Wie aus diplomatischen Kreisen verlautet, sind sämtliche Nachrichten aus Athen jedoch weiterhin mit Vorsicht zu betrachten, da die strenge Militärzensur fast alle Depeschen in das Ausland verzögert oder modifiziert.[2]