Das Völkerbundsekretariat in Genf hat nun offizielle Gewissheit über die Absichten der spanischen Regierung.[1] Der spanische Konsul in Genf überreichte heute Vormittag dem Generalsekretär des Völkerbundes eine formelle diplomatische Note aus Madrid.[1] In diesem Dokument teilt Spanien offiziell mit, dass es gemäß Artikel 1 des Völkerbundpaktes den Vertrag kündigt und nach Ablauf der vorgeschriebenen Frist von zwei Jahren aus der Genfer Liga ausscheiden wird.[1] Laut Angaben der Washington Post wurde die von Außenminister Yanguas y Messía verfasste Note durch ein halboffizielles Kommuniqué in Madrid bestätigt.[2] Darin drückt die spanische Regierung zwar ihren Dank für die ihr vom Völkerbund entgegengebrachte Aufmerksamkeit aus und bietet eine weitere friedliche Zusammenarbeit an, erklärt jedoch zugleich in aller Festigkeit den endgültigen Rücktritt.[2]
Der Zeitpunkt für die Überreichung der Kündigung ist von Madrid offenbar mit Bedacht gewählt worden. Dem Vorwärts zufolge erfolgte der Schritt exakt in jenem Augenblick, in dem die Völkerbundversammlung ihre Beratungen über die künftige Zusammensetzung des Völkerbundrates aufnahm.[1] Dabei war es gerade die Absicht der Genfer Studienkommission gewesen, Spanien im Völkerbund zu halten. Der von ihr ausgearbeitete Kompromiss sah die Schaffung von sogenannten halbständigen Sitzen vor, die in erster Linie auf die Bedürfnisse und das Prestige Spaniens zugeschnitten waren.[1] Die Versammlung hatte einer allgemeinen Vermehrung der nichtständigen Sitze bereits formell zugestimmt.[1] In diplomatischen Kreisen bestand bis zuletzt die feste Absicht, Spanien wieder in den Völkerbundrat zu wählen, obwohl das Land seinen Vertreter als Vorboten der jetzigen Krise bereits aus Genf abgezogen hatte.[1]
Diese wohlmeinende Absicht der Versammlung wird nun durch die unnachgiebige Haltung der Regierung von General Primo de Rivera rücksichtslos durchkreuzt.[1] Beobachter werten das Festhalten Spaniens an seinem Maximalanspruch als schwerwiegendes diplomatisches Manöver. Der Bruch auf dem Papier ist jedoch noch nicht unwiderruflich vollzogen. Die vertraglich festgelegte Kündigungsfrist von zwei Jahren gewährt den europäischen Mächten und Spanien eine lange Zeit zur Besinnung.[1] Man hofft, dass das spanische Volk noch Gelegenheit haben wird, im europäischen Interesse jenen diplomatischen Schlag wiedergutzumachen, den sein jetziger Machthaber Europa versetzt hat.[1]
In den Genfer Gremien werden die Beratungen indes planmäßig fortgeführt. Nach der festlichen Stimmung der vergangenen Tage herrscht wieder Kommissionsgeschäftigkeit; so tagen nun wieder die Ausschüsse, in denen unter anderem der deutsche Ministerialdirektor Gaus an den Einzelheiten des Wahlverfahrens für die nichtständigen Sitze mitarbeitet.[1]