Das niederösterreichische Willendorf in der Wachau ist erneut zum Schauplatz eines archäologischen Sensationsfundes geworden.[1] Wie der Nieuwe Rotterdamsche Courant meldet, hat Professor Bayer, der Direktor der prähistorischen Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien, eine zweite Venus von Willendorf entdeckt.[2] Im Gegensatz zur weltberühmten ersten Venus, die aus Kalkstein gefertigt wurde, besteht die neu aufgefundene Statuette aus Mammutelfenbein.[1]

Das rund 23 bis 25 Zentimeter lange Stück lag nur etwa fünfzehn Schritte von der ersten Fundstelle entfernt und war von eiszeitlichem Löss gut konserviert worden.[2][1] Nach Angaben der Badischen Presse fand sich unmittelbar daneben nicht nur der mächtige Unterkiefer eines Mammuts, der als Rohmaterial gedient haben dürfte, sondern auch ein massives Schabwerkzeug aus gelbem Jaspis.[1] Dieses Werkzeug hat der prähistorische Künstler offenkundig für seine Schnitzarbeit verwendet.[2]

Die geologische Lagerung beider Figuren ist identisch.[2] Die Forscher gehen daher davon aus, dass sie ein Alter von mindestens 20.000 bis 25.000 Jahren aufweisen — sie sind somit etwa siebenmal so alt wie das Grab des Tutanchamun.[2][1] Obwohl beide Kunstwerke möglicherweise vom selben Schöpfer stammen, weisen sie grundverschiedene Körperformen auf.[1] Während die erste Venus eine üppige, stark betonte Weiblichkeit aufweist, handelt es sich bei dem neuen Fund um eine schlanke Gestalt.[2][1]

Dem niederländischen Blatt zufolge fehlt der Statuette ein Gesicht; der Kopf ist birnenförmig und deutet einen Kopfputz an.[2] Die rechte Hand ruht auf der Brust, jedoch zeigt diese keine weiblichen Formen.[1] Professor Bayer erklärt dies damit, dass der Stoßzahn an jener Stelle schlicht nicht dick genug war, um dem Bildhauer genügend Material für Ausbuchtungen zu bieten.[2][1] Die Oberschenkel sind auffällig miteinander verwachsen und erst ab der Kniegegend durch eine mit Feuerstein gezogene Vertiefung gegliedert.[1]

Die Entdeckung belegt eindrucksvoll, dass nicht nur Spanien und Frankreich klassische Regionen der Eiszeitkunst waren, sondern auch das österreichische Gebiet an der Donau.[1] Zur Entstehungszeit dehnte sich das Inlandeis bis nach Hannover aus, und die Wachau wies das unwirtliche Klima des heutigen Grönlands auf.[2][1] Bayer, der seine Forschungsergebnisse in dem Werk Der Mensch im Eiszeitalter ausführlich behandeln wird, setzt große Hoffnungen in weitere systematische Grabungen.[2] Da bereits 50.000 Steinwerkzeuge aus einer einzigen Schicht zutage gefördert wurden, hält man das künftige Auffinden einer prähistorischen Begräbnisstätte für möglich.[1]