Der achte internationale Psychologenkongress hat nach mehrtägigen Beratungen seine Pforten geschlossen.[1] In der Schlusssitzung am Samstag sprach der Turiner Gelehrte Professor Kiesow dem Vorsitzenden, Professor Heymans, sowie der Bürgerschaft von Groningen den tief empfundenen Dank der Teilnehmer aus.[1] Wie der Nieuwe Rotterdamsche Courant meldet, steht der Austragungsort der nächsten Zusammenkunft noch nicht endgültig fest.[1] Sollten amerikanische Fachkreise es wünschen, wird der Kongress in den Vereinigten Staaten tagen. Andernfalls findet er in Polen statt; dabei wurden Warschau oder Krakau in die engere Wahl gezogen.[1]
Vor den feierlichen Schlussworten widmete sich die Versammlung einer ausführlichen Debatte über die Psychologie der sogenannten Naturvölker.[1] Da Professor Lévy-Bruhl und sein Vertreter Dr. Lenoir kurzfristig verhindert waren, referierte der Pariser Professor Jones über deren Thesen.[1] Nach diesen Annahmen sei das für europäische Augen befremdliche Verhalten primitiver Völker in erster Linie auf den verwirrenden Einfluss der modernen Zivilisation zurückzuführen.[1]
Im weiteren Verlauf kamen Praktiker ausführlich zu Wort. Dr. van Loon aus Weltevreden berichtete über seine jahrelangen Erfahrungen bei der malaiischen Bevölkerung, die er als „halb-primitiv“ einstufte.[1] Er schilderte spezifische psychische Erkrankungen wie Amok und Latah, die eine hohe Emotionalität zeigten, jedoch nur eine äußerst geringe psychische Nachwirkung hinterließen.[1] Dr. Lliey Hoesch-Ernst aus Godesberg schilderte unterdessen ihre Untersuchungen an nach Deutschland gebrachten Pygmäen.[1] Diese weigerten sich entschieden, von Männern untersucht zu werden, und zeigten sich auch gegenüber europäischen Frauen sehr distanziert.[1] Die Forscherin folgerte daraus, dass diese Völker geistig und körperlich derart stark differenziert seien, dass ihnen die Anpassung an fremde Umstände schwerfalle.[1]
Dem Nieuwe Rotterdamsche Courant zufolge mahnten zahlreiche Redner zur Vorsicht bei der Beurteilung fremder Kulturen.[1] Der Tübinger Professor Oesterreich forderte eine genauere Untersuchung der jeweiligen Lebensumstände. Daraus ließen sich viele Gewohnheiten erklären.[1] Professor Ruben aus Kopenhagen fügte hinzu, dass europäische Bräuche den Naturvölkern vermutlich ebenso sonderbar erscheinen müssten wie umgekehrt.[1] Der Amsterdamer Forscher Dr. Ariens Kappers warnte schließlich eindringlich vor voreiligen Schlüssen.[1] Er wies darauf hin, dass vermeintlich spezifische Gehirnmerkmale asiatischer Völker bei näherer Betrachtung ebenso bei Einwohnern Groningens zu finden seien.[1]