Die Affäre um den französischen Dampfer Lotus hat sich in den vergangenen Tagen merklich verschärft und belastet die Beziehungen zwischen Frankreich und der Türkei zunehmend.[1][2] Nach Angaben der Deutschen Allgemeinen Zeitung wächst in französischen Kreisen die Verstimmung über das Vorgehen der türkischen Behörden, die den französischen Wachoffizier, Leutnant Desmons, weiterhin in Haft halten.[3] Ministerpräsident Raymond Poincaré sah sich daher veranlasst, den türkischen Botschafter Fethy Bey, der auf Sommerfrische in Dinard weilte, zu einer dringenden Unterredung nach Paris zu rufen.[4][3] Im Finanzministerium erklärte Poincaré dem Diplomaten in energischen Worten, dass die Regierung der Republik keine neuerlichen Verzögerungen bei der Freilassung dulden werde.[4][3]

Dem diplomatischen Konflikt liegt ein Zusammenstoß auf hoher See zugrunde. Dieser ereignete sich Mitte August vor der Insel Mytilene.[1] Damals kollidierte die Lotus mit einem türkischen Frachtschiff. Desmons hatte zu diesem Zeitpunkt als wachhabender Offizier die Brücke.[2] Die französische Besatzung beteuert, das Unglück habe sich außerhalb der türkischen Hoheitsgewässer vollzogen. Deshalb fehle der türkischen Justiz jede Zuständigkeit.[1][2] Am 28. August übermittelte die französische Regierung eine Note an die Türkei; daraufhin unterbreitete diese am 4. September den Vorschlag, den Streitfall dem Internationalen Schiedsgerichtshof im Haag vorzulegen.[1][2] Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung meldet, sind beide Staaten nun übereingekommen, diesen Weg zu beschreiten.[3] Frankreich hat bereits den Juristen Fromageot vom Quai d’Orsay zu seinem Vertreter ernannt.[3]

Trotz dieser diplomatischen Annäherung geht der Prozess gegen Desmons in der Türkei ungehindert weiter. Am Sonnabend fand vor dem Gericht in Konstantinopel die zweite Verhandlung statt, die sich über zehn Stunden erstreckte.[4][5] Das Gericht forderte von dem französischen Offizier und dem Kapitän des türkischen Schiffes präzise Erklärungen zu den Manövern vor der Kollision.[5] Dem Pariser Temps zufolge hörte das Gericht zudem die Einschätzung von vier türkischen Marineexperten an.[5] Auf Antrag der Anwälte beider Parteien wurde schließlich eine neue Sachverständigenkommission gebildet. Diese Kommission soll in Kürze ihren Bericht vorlegen.[4][5] Der Antrag des französischen Verteidigers auf eine vorläufige Haftverschonung seines Mandanten blieb vorerst in der Schwebe; das Gericht wird hierüber voraussichtlich am morgigen Dienstag entscheiden.[5]

In der türkischen Hauptstadt Angora betrachtet man das französische Vorgehen derweil mit großem Argwohn. Die halbamtliche Nachrichtenagentur Anatolie teilte der Presse mit, die Inhaftierung des Kommandanten der Lotus sei eine rein justizielle Angelegenheit.[5] Die Gerüchte der französischen Presse über angebliche Flottendemonstrationen oder Entschädigungsforderungen weist die Agentur entschieden zurück.[5] Das türkische Blatt Hakimiet-I-Millie warnt nachdrücklich davor, dem Fall politische Bedeutung beizumessen.[5] Die türkische Öffentlichkeit frage sich, ob die französischen Pressekampagnen einen allgemeinen politischen Kurswechsel einleiteten — eine Entwicklung, die die Regierung der türkischen Republik sehr aufmerksam verfolgen werde.[5] Einzelne französische Zeitungen erinnern in diesem Zusammenhang bissig daran, dass Botschafter Fethy Bey unlängst nicht einmal in der Lage gewesen sei, seinen eigenen Schwager, den in Angora gehängten Djavid Pascha, vor dem Galgen zu bewahren. Man hoffe jedoch, dass er nun in der Lotus-Affäre mehr Einfluss geltend machen könne.[3]