Unter der Leitung des Berliner Oberbürgermeisters Dr. Böß hat sich der Deutsche Städtetag in Stettin versammelt, um zu den drängendsten kommunalen Problemen der Gegenwart Stellung zu nehmen.[1] Zu der Tagung sind etwa 200 Städtevertreter aus dem gesamten Deutschen Reich eingetroffen.[1] Unter den prominenten Ehrengästen befinden sich der Reichsinnenminister Dr. Külz sowie der preußische Innenminister Severing.[1] In seiner Begrüßungsansprache bedauerte Oberbürgermeister Böß die urlaubsbedingte Abwesenheit des Reichsfinanzministers Dr. Reinhold, da gerade die anstehende Finanzreform den unbestrittenen Hauptgegenstand der Beratungen bilde.[1]
Der Präsident des Städtetages, Dr. Mulert, schloss sich diesem Bedauern an. Er eröffnete die Debatte mit einer scharfen Kritik an der finanzpolitischen Praxis des Reiches.[1] Die Reichsverfassung gehe davon aus, die Gestaltung der gemeindlichen Verhältnisse den Ländern und den Organen der Selbstverwaltung zu überlassen.[1] Diese Maxime sei jedoch durch die Reichsgesetzgebung der vergangenen Jahre in ihr exaktes Gegenteil verkehrt worden.[1] Der Redner forderte eindringlich, die zunehmende Entfremdung der Berliner Reichsinstanzen von den Kommunen rasch zu überwinden.[1]
Besondere Besorgnis löste in der Versammlung die Mitteilung aus, dass infolge weitreichender Gesetze mindestens 80 Prozent aller städtischen Ausgaben mittlerweile zwangsgebunden seien.[1] Der fundamentale Grundsatz, keine Ausgabe ohne Deckung zu tätigen, werde vom Gesetzgeber bei der Übertragung neuer Aufgaben unzureichend beachtet.[1] Als Kernstück der angestrebten Reform verlangte Dr. Mulert daher die Wiederherstellung der finanziellen Selbstverantwortung der Gemeinden.[1] Dies setze zwingend ein selbstständiges Anteilrecht an der Einkommensteuer sowie die Herabsetzung des Reichsanteils von 25 auf ehemals 10 Prozent voraus.[1]
Darüber hinaus forderten die Vertreter der Städte eine zügige Neuordnung der Hauszinssteuer.[1] Deren gegenwärtige Form sei unhaltbar; ihre Erträge blieben jedoch für einen systematischen Wohnungsbau unverzichtbar.[1] Nur durch eine wohlüberlegte Balancierung der öffentlichen Haushalte und eine vorsichtige steuerliche Belastung lasse sich das drängende Problem lösen, den fast 1,5 Millionen Erwerbslosen wieder Arbeit zu verschaffen.[1] Dr. Mulert kündigte abschließend eine detaillierte Denkschrift der deutschen Städte an, in der diese ihre finanzpolitischen Forderungen dem Reichstag darlegen werden.[1]