Der konservative Premierminister Arthur Meighen hat nach dem enttäuschenden Ausgang der kanadischen Parlamentswahlen seinen Rücktritt angekündigt.[1] Er wird voraussichtlich am Montag mitsamt seinem Kabinett die Amtsgeschäfte niederlegen und die Demission dem neuen Generalgouverneur Lord Willingdon überreichen.[1][2] Unterdessen meldet die China Mail, dass der Generalgouverneur den scheidenden Regierungschef ersuchen dürfte, die Amtsgeschäfte so lange kommissarisch weiterzuführen, bis der liberale Führer William Lyon Mackenzie King vollständig auf die Übernahme der Regierungsverantwortung vorbereitet ist.[3]

Die endgültigen Wahlergebnisse besiegeln eine empfindliche Niederlage für die konservative Partei, die im alten Parlament noch über 116 Sitze verfügt hatte.[1][2] Der nordamerikanischen Washington Post zufolge eroberten die Liberalen 119 der insgesamt 245 Mandate, während die Konservativen auf 91 Sitze abrutschten.[1] Leicht abweichende Zahlen liefert der Pariser Figaro. Dieser zählt 120 liberale und 90 konservative Abgeordnete, während das Blatt Le Temps die Liberalen bei 118 Sitzen sieht.[2][4] Die Beobachter sind sich darin einig, dass Mackenzie King durch die Unterstützung der liberal-progressiven Gruppe, der Progressiven sowie der sozialistischen und unabhängigen Abgeordneten über eine stabile parlamentarische Mehrheit verfügt.[1][2][4]

Besonders bitter für die Konservativen ist der Verlust prominenter Köpfe. Wie Le Temps berichtet, verlor Premierminister Meighen selbst sein Mandat in der Provinz Manitoba.[2] Auch fünf seiner Kabinettsmitglieder — darunter Justizminister Patenaude und Gesundheitsminister Paquet — fanden bei den Wählern keine Zustimmung.[2] Die Ursachen für diese grundlegende Verschiebung sind geografisch und politisch eindeutig zu verorten. Die französischsprachige Provinz Quebec zeigte sich den Konservativen entschieden feindlich, während die Partei in der englischsprachigen Hochburg Ontario schwere Verluste hinnehmen musste.[2] In den Prärieprovinzen Manitoba, Saskatchewan und Alberta hatten sich Liberale und Progressive im Vorfeld darauf verständigt, keine Gegenkandidaten aufzustellen, um sich die Stimmen nicht gegenseitig streitig zu machen.[2]

Der Wahlausgang ist nicht zuletzt das Resultat einer beispiellosen Verfassungskrise, die das Land in den vergangenen Monaten in Atem hielt. Nach Analysen der Badischen Presse war es für die Liberalen ein taktischer Vorteil, dass der frühere Generalgouverneur Lord Byng einseitig zugunsten der Konservativen in das politische Geschehen eingegriffen hatte.[5] Byng hatte Mackenzie King vor wenigen Monaten die Auflösung des Parlaments verweigert, diese aber kurz darauf dem Konservativen Meighen gewährt.[2] Die liberale Partei nutzte diesen Umstand geschickt und warnte die Wählerschaft, dass Kanadas Recht auf Selbstregierung bei einem konservativen Sieg eingeschränkt werden könne. Das Land würde de facto auf den Status einer Kronkolonie zurückgesetzt.[5]

Das Programm der neuen Regierung wird sich neben einer maßvollen Senkung der Schutzzölle vor allem auf eine präzisere Definition der Befugnisse des Generalgouverneurs konzentrieren.[5][2] Für die imperiale Politik Großbritanniens bedeutet das Wahlergebnis einen erheblichen Rückschlag. In maßgeblichen Londoner Kreisen hatte man auf einen Sieg des stark britisch geprägten Imperialismus gehofft, wie ihn die Konservativen vertreten.[5] Die kanadische Bevölkerung lehnte jedoch zentralistische Tendenzen ab, strebte aber — entgegen verbreiteter Behauptungen — keine Loslösung vom britischen Reichsverband an.[5] Auf der kommenden britischen Reichskonferenz wird Kanada voraussichtlich gemeinsam mit Irland und Südafrika einen föderalistischen Block bilden. Damit soll ein Gegengewicht zu den zentralistisch eingestellten Dominions Australien und Neuseeland sowie zum englischen Mutterland geschaffen werden, wie die Badische Presse feststellt.[5]