Die diplomatischen Bemühungen am Genfer See haben ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Mit großer Spannung wurde die Unterredung unter vier Augen zwischen dem deutschen Außenminister Dr. Stresemann und seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand erwartet, die von einem dichten Schleier des Geheimnisses umgeben wird.[1] Am späten Vormittag verließ Dr. Stresemann gemeinsam mit seinem Privatsekretär und seinem Leibarzt das Hotel Metropole, um sich zu der vereinbarten Zusammenkunft zu begeben. Kein weiteres Mitglied der beiden Delegationen nahm daran teil.[2][1]
Um der Neugierde der Öffentlichkeit zu entgehen, ergriff die deutsche Delegation eine Maßnahme: Während die bereitgestellten Automobile in eine andere Richtung fuhren und das Publikum so täuschten, verließ Dr. Stresemann an der Anlegestelle vor dem Hotel Beaurivage den Wagen.[2] Er bestieg ein Motorboot, das ihn und seinen Sekretär unbeobachtet auf den See hinausführte.[2] Der genaue Ort der Zusammenkunft wird weiterhin streng geheim gehalten; es wird jedoch angenommen, dass die Besprechung in einer der kleinen Ortschaften am Ufer des Genfer Sees stattfindet.[2][1]
Dass es bei diesem Treffen um mehr als bloße Höflichkeitsgesten geht, ergibt sich aus den Ausführungen, die Dr. Stresemann am Vorabend auf einem Bierabend der Presseabteilung der Reichsregierung vor Journalisten machte.[2] In offener Weise äußerte sich der Minister über Erreichtes und Erhofftes. Sein grundsätzlicher Optimismus war dabei deutlich spürbar.[1] Im Mittelpunkt der deutschen Bestrebungen steht eindeutig die Freiheit der besetzten Gebiete.[2] Nach Berichten der Badischen Presse vertritt der Außenminister seit jeher den Standpunkt, dass finanzielle Verpflichtungen Deutschlands hinter dem Gedanken der politischen Freiheit zurücktreten müssten.[2] Es komme nicht so sehr darauf an, ob ein Volk finanzielle Lasten trage, sondern darauf, dass es seine politische Freiheit und volle Souveränität wiedererlange.[2] Diese Auffassung habe bereits die Verhandlungen über Eupen-Malmedy bestimmt.[2] Es geht der deutschen Delegation nicht um eine bloße Verringerung der Besatzungsarmee, sondern darum, dass Frankreich aus dem deutschen Eintritt in den Völkerbund die logische Konsequenz zieht: Die fortdauernde Besetzung deutschen Gebietes besitze nunmehr keine moralische Rechtfertigung mehr.[2] In Genf ist man sich bewusst, dass der Minister ein hohes Risiko eingeht.[2]
Die französische Seite betrachtet diese Entwicklungen mit Anerkennung und zugleich mit Vorsicht. Teile der französischen Delegation, insbesondere der Kreis um Henry de Jouvenel, sprechen bereits von einer sogenannten 'Offensive Stresemanns'.[2] Die Pariser Morgenpresse äußert sich anerkennend über die versöhnliche Haltung der deutschen Vertreter in den vergangenen Tagen.[1] Dem Temps zufolge haben die Wahlen zum Völkerbundrat Ergebnisse erbracht, die ein hohes Verantwortungsbewusstsein der Versammlung belegen.[1] Das Blatt begrüßt ausdrücklich die Wiederwahl der Tschechoslowakei in den Rat und wertet dies als persönliche Ehrung für Außenminister Edvard Beneš, der dem Genfer Werk große Dienste erwiesen habe.[1]
Noch weiter gehend sind die Kommentare im Petit Parisien. Der Berichterstatter dieses Blattes schildert das Erstaunen in französischen Kreisen darüber, dass die deutsche Delegation bei der Erklärung der Wiederwählbarkeit Polens deutlich applaudierte.[1] Man habe geglaubt, sich zu täuschen, als Deutschland tatsächlich für Warschau stimmte.[2][1] Zwar weiß man in Paris genau, dass Stresemanns Aktentasche voller deutscher Forderungen ist.[1] Als erfahrener Taktiker habe er diese Unterlagen jedoch vorübergehend beiseitegelegt und lediglich eine Zigarre sowie eine Rauchwolke an den Ratstisch mitgebracht.[1]
Obwohl die Atmosphäre auf dem diplomatischen Parkett gespannt und zugleich gelöst wirkt, bleibt abzuwarten, welche konkreten Vereinbarungen an dem weiterhin geheimen Ort am Seeufer getroffen werden. Die Begegnung erinnert an Ascona, wo einst im Vorfeld der Verträge von Locarno entscheidende Grundlagen geschaffen wurden.[1] Es stellt sich die Frage, ob nun der Grundstein für eine umfassende Schlichtung aller Differenzen zwischen Deutschland und Frankreich gelegt wird.[1] Wie aus Genfer Delegationskreisen gemeldet wird, erwarten politische Beobachter, dass die Verhandlungen vom Grundsatz eines Ausgleichs — eines 'do ut des' — bestimmt sein werden.[2]
Noch am heutigen Abend wird ein gemeinsames Kommuniqué erwartet, bevor Außenminister Briand Genf verlässt.[1] Der britische Außenminister Austen Chamberlain ist bereits abgereist, nachdem er die Führung der englischen Delegation an Lord Cecil übergeben hat.[1] Dr. Stresemann dürfte hingegen noch bis Mitte der kommenden Woche in der Stadt verweilen.[1] Unterdessen meldet die Nachrichtenagentur Havas, in Kreisen der deutschen Delegation rechne man mit einem baldigen Besuch Stresemanns in Paris.[2] Einer Einladung Briands folgend, könnten dort die Besprechungen fortgesetzt werden, um eine umfassende deutsch-französische Verständigungskonferenz vorzubereiten.[2] Die Atmosphäre hat sich gewandelt, und der Eintritt Deutschlands in den Kreis der Völker zeigt bereits erste diplomatische Wirkungen.[2][1]