In der britischen Botschaft in Tokio hat sich gestern ein aufsehenerregender Anschlag ereignet, der das internationale diplomatische Korps erschüttert und beinahe in einer Tragödie geendet hätte. Während eines festlichen Gabelfrühstücks, das der britische Botschafter Sir John Tilley zu Ehren des schwedischen Kronprinzen Gustav Adolf und der Kronprinzessin Louise gab, verübte ein Unbekannter einen bewaffneten Angriff.[1][2] Wie die Washington Post berichtet, galt der Wurf offensichtlich der anwesenden Tischgesellschaft, in deren Mitte sich die schwedische Thronfolgerin befand.[1]

Die Kronprinzessin saß zwischen ihrem Gastgeber und dem belgischen Botschafter Albert de Bassompierre. Die Gruppe hatte dabei den offenen Fenstern den Rücken zugewandt.[3][4] Roger Tilley, der Sohn des britischen Gesandten, hatte am Tischende Platz genommen und blickte in Richtung der Veranda.[5][3] Laut den Meldungen der Los Angeles Times bemerkte er plötzlich das Gesicht eines Eindringlings, der vorsichtig durch die Fensterläden in den Speisesaal spähte.[3][6] Als der Unbekannte einen langen Dolch zog und zum Wurf ansetzte, sprang der junge Tilley geistesgegenwärtig auf und warf sich in die Flugbahn der Klinge.[1][6]

Das Geschoss traf den Sohn des Botschafters direkt über dem Herzen.[1] Ein glücklicher Zufall rettete jedoch sein Leben — der Dolch prallte an einem goldenen Zigarettenetui ab, sodass Tilley unverletzt blieb.[1][6] Trotz der Aufregung bewahrte Prinzessin Louise Ruhe.[1] Amerikanischen Berichten zufolge bestand sie darauf, das Mahl fortzusetzen, während mehrere Gäste sogleich hinaustraten, um nach dem Angreifer zu suchen.[1]

Dem Täter gelang am helllichten Tage die Flucht, obgleich die Polizei das weitläufige Gelände der Botschaft zur selben Zeit engmaschig patrouillierte.[4][6] Dem Hong Kong Telegraph zufolge erhält der Vorfall durch die Tatwaffe eine eigentümliche Wendung.[6] Es handelte sich um einen brasilianischen Dolch aus dem Besitz des Hausherrn, der bereits am Vortag spurlos aus dem Salon der britischen Residenz verschwunden war.[1][6]

Über die Identität des Flüchtigen herrschen derzeit noch widersprüchliche Darstellungen. Der einzige unmittelbare Zeuge, Roger Tilley, gab zu Protokoll, der Mann sei in europäische Kleidung gehüllt gewesen.[3] Während asiatisch-englische Blätter einen japanischen Täter vermuten, verweist das Hamburger Echo auf eine andere Auslegung.[4][7] Demnach betont die japanische Presse nachdrücklich, es habe sich um einen chinesischen Studenten gehandelt, der auf ungeklärte Weise in die Botschaft eingedrungen sei.[7] Die Zeitungen in Tokio werten die Tat als direkten Ausfluss der allgemeinen Fremdenfeindlichkeit in China, die sich gegenwärtig besonders gegen britische Vertreter richte.[7] Die offiziellen japanischen und britischen Regierungsstellen hüllen sich bislang in striktes Schweigen und geben lediglich stark zensierte Mitteilungen an die Öffentlichkeit heraus.[3]