Der Vormarsch der südchinesischen Nationalisten entwickelt sich zu einer ernsthaften Bedrohung für die etablierten nordchinesischen Machthaber und die ausländischen Interessen im Yangtse-Tal. Nach dem raschen Fall von Hanyang und Hankau konzentriert sich die militärische Auseinandersetzung nun auf die Belagerung von Wutschang (Wuchang), während zugleich am Oberlauf des Flusses bei Wanhsien ein offener Konflikt zwischen chinesischen Truppen und britischen Marineeinheiten eskaliert.

Wie die China Mail in einer eingehenden Analyse der militärischen Lage schildert, verdanken die Truppen der Kuomintang ihre jüngsten Erfolge vor allem dem Überraschungsmoment.[1] Anstatt sich auf moderne Transportwege zu verlassen, wählten die Kantonesen für ihren Vormarsch die alte Handelsroute nach Tschangscha (Changsha).[1] Die Artillerie wurde demontiert und von Kulis auf den Schultern getragen. Hunderte verloren dabei während der großen Anstrengungen auf dem Marsch ihr Leben.[1] Durch diese Taktik erreichten die Südchinesen unerwartet Tschangscha. Es folgten die schnelle Einnahme von Hankau und Hanyang sowie die Einschließung von Wutschang.[1] Dem Pariser Figaro zufolge halten die Nordtruppen Wutschang jedoch weiterhin fest in ihrer Hand und konnten sämtliche Angriffe der sogenannten ‚roten‘ Truppen unter schweren Verlusten für die Belagerer abwehren.[2]

Die nationalistischen Streitkräfte bestehen aus verschiedenen Armeegruppen, die nun weite Teile Zentralchinas kontrollieren.[1] Die erste Armee unter dem persönlichen Kommando von Tschangkaischek (Chiang Kai-shek) setzt sich aus Elitetruppen der Whampoa-Kadetten zusammen. Ihre Vorhut steht im Gebiet um Yochau.[1] Für die Kämpfe am Yangtse ist die vierte Armee unter Li Chai-sum besonders bedeutsam; deren zehnte und zwölfte Divisionen nahmen maßgeblich an der Einnahme Hanyangs teil und bilden nun den Belagerungsring um Wutschang.[1] Unterstützung erhalten sie von der siebten Armee unter Li Chung-jen, die sich aus Truppen der Provinz Kwangsi zusammensetzt. Obwohl diese anfangs schlecht ausgerüstet waren, bewährten sie sich während ihrer ersten Bewährungsprobe.[1] Die sechste Armee unter Ching Chien (Cheng Qian), bestehend aus hunanesischen Söldnern, operiert mit zwei Divisionen an der linken Flanke. Ihr Ziel ist der Norden von Kiangsi, zwischen der Hauptstadt Nantschang (Nanchang) und Kiukiang (Jiujiang).[1] Zudem liegt die zweite Armee unter Tam Yin-kai (Tan Yankai) an der Grenze zu Kiangsi bereit, um gegebenenfalls gegen den nordchinesischen General Sunchuanfang (Sun Chuanfang) vorzugehen.[1] Einheiten aus Shanghai haben nach Informationen des Figaro inzwischen nahe Wuxi eine der Flanken der kantonesischen Truppen angegriffen.[2]

Nicht nur am Yangtse, sondern auch an der Küste verhärten sich die Fronten. In der südlichen Hafenstadt Swatau (Shantou) bereiten sich die Nationalisten auf feindliche Gegenangriffe von See vor.[3] Wie der Hong Kong Telegraph meldet, wurden entlang der Küste Minen verlegt und schwere Geschütze positioniert.[3] Gleichzeitig führt die Polizei entschiedene Durchsuchungen in Hotels und Gasthäusern durch, um Gegner der Kantonesen ausfindig zu machen.[3] Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen. Personen, denen feindliche Aktivitäten nachgewiesen werden, werden standrechtlich erschossen.[3] Eine aus der benachbarten Provinz Fukien stammende Volksarmee lässt in der Zwischenzeit eine Flotte beschlagnahmter Dschunken für den Truppentransport ausrüsten.[3]

Parallel zu den innerchinesischen Kämpfen verschärft sich der Konflikt zwischen chinesischen Militärs und westlichen Mächten. In Wanhsien hält der nordchinesische General Yangsen (Yang Sen) zwei britische Dampfer fest.[4] Bereits am 5. September kam es zu schweren Gefechten zwischen britischen Kanonenbooten und chinesischen Landtruppen. Dabei fielen mehrere britische Offiziere, und die chinesischen Verluste wurden auf zweitausend Mann geschätzt. Nun plant die britische Marine offenbar eine zweite Strafexpedition.[4] Die Washington Post berichtet, dass die Londoner Regierung bereit sei, militärische Gewalt anzuwenden, um die Schiffe zurückzuerobern.[4] General Yangsen hat nach Angaben aus Peking seine Entschlossenheit bekundet, bis zum Äußersten zu kämpfen. Zudem informierte er das Außenministerium, dass er jede weitere Flottenexpedition unweigerlich zurückschlagen werde.[4][2] Die militärischen Behörden in Wanhsien haben inzwischen die Gebäude der dortigen chinesischen Inlandgesellschaft besetzt und drei britische Missionare als Geiseln genommen.[4] Immerhin scheint sich die Lage in Südchina etwas zu entspannen: Die Regierung in Kanton hat der britischen Marine Sicherheiten für den Schutz von Fracht und Passagieren zugesagt. Daraufhin wurden die britischen Kanonenboote aus diesen Gewässern abgezogen.[2]

Die internationale Diplomatie verfolgt die Ereignisse mit wachsender Sorge, zögert jedoch bislang ein gemeinsames Eingreifen. Das Kabinett in Tokio hat laut Berichten der Prawda beschlossen, die Entwicklungen zunächst nur zu beobachten.[5] Der japanische Außenminister Kijūrō Shidehara (Kijuro Shidehara) stellte klar, dass der Zeitpunkt für aktive Schritte Japans noch nicht gekommen sei.[5] Auch das amerikanische Staatsdepartement wies britische Ersuchen um eine gemeinsame Intervention zurück und hält an seiner bisherigen Politik fest. Kürzlich wurde ein amerikanisches Schiff auf dem Yangtse von Chinesen gekapert, später jedoch ohne Waffeneinsatz wieder freigegeben.[5] Die japanische Presse zeigt sich uneinig: Während die Zeitung Yamato einen Kurswechsel fordert, warnt die liberale Nichi-Nichi, dass eine britische Intervention die Position aller ausländischen Mächte in China gefährden würde.[5] Das Blatt Chugai-Shogyo urteilt, den eingeschlossenen Nordtruppen unter Wupeifu (Wu Peifu) könne allenfalls durch Entsatzverbände geholfen werden. Diese seien jedoch kaum stark genug, um die Kantonesen endgültig zurückzuwerfen.[5]

Die politische Neuordnung Chinas erscheint in greifbare Nähe zu rücken. Die in Peking erscheinende japanische Zeitung Shun-Tien-Shih-Pao prophezeit, dass nach dem Fall von Wuhan auch die Provinzen Szechuan und Kweitschou (Guizhou) an die Kantonesen fallen werden.[5] Ein künftiger Krieg zwischen Kanton und den Truppen des mandschurischen Kriegsherrn Tschangtsolin (Zhang Zuolin) gilt als unausweichlich.[5] Gegenwärtig bewahrt Mukden jedoch noch Neutralität, da beide Seiten wissen, dass die gegnerische Streitmacht nicht rasch zerschlagen werden kann.[5] Die Begeisterung der Zivilbevölkerung für die disziplinierten südchinesischen Truppen zeigt sich daran, dass sie bei ihrem Einmarsch Vorräte in bar bezahlten und mit Begeisterung empfangen wurden. Dieses Verhalten wurde nach Angaben des Hong Kong Telegraph von den Bürgern mit bisher ungekanntem Beifall bedacht und verdeutlicht die tiefgreifenden innenpolitischen Verschiebungen, denen die westlichen Mächte nun gegenüberstehen.[3]