Die historische Zusammenkunft zwischen Reichsaußenminister Dr. Stresemann und dem französischen Außenminister Aristide Briand in dem kleinen Grenzort Thoiry hat in der europäischen Diplomatie eine lebhafte Bewegung ausgelöst. Der Westfälische Merkur berichtet, man fasse auf beiden Seiten eine weitreichende Lösung aller schwebenden politischen Fragen ins Auge.[1] Das erklärte Ziel sei es, die gegenwärtige angespannte Lage mit dem Geist von Locarno in Einklang zu bringen.[1] Deutschland müsse als neues Völkerbundmitglied seine volle Souveränität zurückerhalten.[1] Demnach fallen in dieses ehrgeizige Programm die vorzeitige Räumung der zweiten und dritten Rheinlandzone, die Rückgabe des Saargebietes und der deutschen Kohlengruben sowie eine abschließende Regelung der Frage Eupen-Malmedy.[1] Auch die interalliierte Militärkontrolle steht zur ernsthaften Disposition.[1] Briand selbst äußerte sich gegenüber der heimischen Presse sehr zuversichtlich und erklärte: „Ich bringe aus Genf den besten Eindruck und die größte Hoffnung für die Aufrichtung eines dauernden Friedens in Europa mit.“[1]
Die französische Öffentlichkeit diskutiert die Aussichten einer derartigen Verständigung mit außerordentlicher Anteilnahme. Jules Sauerwein widmet dem Thema im Matin breiten Raum und spricht von einem gewaltigen Vorhaben, das ein völlig neues Weltgleichgewicht schaffen könne.[2] Dem Matin zufolge würde ein festes Bündnis der einhundert Millionen Franzosen und Deutschen eine unübertroffene Macht bilden.[2][3] Frankreich bringe sein mächtiges Kolonialreich, sein moralisches Ansehen und eine solide landwirtschaftliche Basis ein.[3] Deutschland hingegen verfüge über Kohle, Kali, Erze und eine herausragende industrielle Organisation.[3] Niemand könnte sodann den Frieden in Europa gegen den Willen dieser vereinigten Staaten stören.[2] Sauerwein warnt jedoch nachdrücklich davor, die emotionalen und sachlichen Hürden zu unterschätzen. Er schreibt: „Auf französischer Seite ist die Befürchtung verständlich, dass wir selbst dazu beitragen werden, Deutschland wieder stark zu machen.“[2] Auf deutscher Seite hingegen besteht der verständliche Wunsch, möglichst rasch sämtliche Folgen der Niederlage zu beseitigen.[2]
Der entscheidende Schlüssel zur Überwindung dieser großen Hindernisse liegt auf wirtschaftlichem und finanziellem Gebiet. Frankreich benötigt dringend flüssige Mittel, um seine erschütterte Währung zu stabilisieren und die Auslandsschulden zu bedienen.[4] Nach Angaben der Badischen Presse sieht der diskutierte Plan vor, dass Deutschland durch rasche Mobilisierung von Obligationen des Dawes-Plans sofortige finanzielle Hilfe leistet.[4] Im Gegenzug gewährt Frankreich weitgehende politische Konzessionen bei der Räumung der besetzten Gebiete.[4] Diese finanzielle Zusammenarbeit hat Konsequenzen, die weit über den Kontinent hinausreichen. Die englische China Mail meldet, eine solche Übereinkunft könne dazu führen, dass beide Staaten gemeinsam in London und Washington um leichtere und schnellere Zahlungsbedingungen für die interalliierten Schulden nachsuchen.[5] Der Pariser Figaro betont in diesem Zusammenhang, dass die reibungslose Erfüllung des Dawes-Plans und die Regelung der Kriegsschulden letztlich vollständig von den amerikanischen Kapitalgebern abhängen.[6] Ohne die stille oder offene Mithilfe der Vereinigten Staaten werde sich der künstliche Papiergeldkreislauf der Reparationen kaum länger aufrechterhalten lassen.[6]
Trotz dieser weitreichenden Perspektiven stößt Außenminister Briand in Paris auf massiven Widerstand in den eigenen Reihen, der den Erfolg von Thoiry ernstlich gefährdet. Das Kabinett ist in der Frage der Außenpolitik tief gespalten.[4] Wie das Berliner Tageblatt berichtet, hat Briand Ministerpräsident Raymond Poincaré in einer langen Unterredung über die Ergebnisse von Genf und Thoiry ausführlich unterrichtet.[2] Poincaré behält sich jedoch seine endgültige Stellungnahme vor und wartet ab, wie sich die Stimmung bei den Abgeordneten und im Land entwickelt.[2][4] Inzwischen sammelt sich die konservative Opposition im Ministerrat. Die Minister Marin, Barthou, Tardieu und Bokanowski gelten als entschiedene Gegner einer vorzeitigen Räumung des Rheinlandes und des Saargebietes.[2][4] Sie sind offenbar nicht bereit, ihren Widerstand aufzugeben, selbst wenn Frankreich dafür die dringend benötigten finanziellen Entschädigungen erhielte.[4] Wieder einmal stehen sich in Frankreich die Politik des Linkskartells und des nationalen Blocks unversöhnlich gegenüber.[2]
Briand ist sich der Gefahr für seine Friedenspolitik wohl bewusst. Laut der Badischen Presse ließ er die Hauptschriftleiter der vier radikalsozialistischen Blätter — L'Œuvre, Le Quotidien, L'Ère Nouvelle und La Volonté — zu sich rufen, um sich in scharfen Worten über den unfreundlichen Empfang in Paris zu beschweren.[4] Er beschuldigte seine Regierungskollegen Barthou und Marin offen, ihn zum Sturz bringen zu wollen, und warnte vor dem Versuch, einen erneuten ‚Streich von Cannes‘ gegen ihn zu inszenieren.[4] Während Briand darauf hofft, sich durchzusetzen und notfalls ein eigenes Kabinett zu bilden, glaubt Barthou fest an eine baldige Rechtsregierung, die die Politik von Genf und Thoiry entschieden beendet.[4]
Dennoch findet der Außenminister auch publizistische Unterstützung. Pierre Bertrand kritisiert im Quotidien die Unnachgiebigkeit der Nationalisten und verweist darauf, dass Frankreich im Rahmen einer Verständigung nun noch konkrete Gegenleistungen erhalten könne.[2] In neun Jahren werde das Land durch die Bestimmungen des Versailler Vertrages ohnehin gezwungen sein, die besetzten Gebiete zu räumen, ohne von Deutschland noch irgendwelche Zugeständnisse erwarten zu können.[2] Selbst das rechtsorientierte Journal des Débats mahnt zur Besonnenheit und schreibt, man solle eine echte Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland, die für ganz Europa begünstigende Folgen hätte, nicht leichtfertig gefährden.[2]
Sollte Briand den innerpolitischen Kampf gewinnen und der französische Ministerrat die Abmachungen billigen, zeichnen sich weitergehende diplomatische Schritte ab. Der Excelsior will erfahren haben, dass Dr. Stresemann in diesem Falle im Oktober persönlich nach Paris reisen würde, um direkt mit den Mitgliedern der französischen Regierung in Kontakt zu treten.[2] Außerdem gilt es als möglich, dass die nächste Tagung des Völkerbundrates in Berlin stattfindet.[2] Briand würde dann als Delegierter Frankreichs nach Berlin reisen, was als starkes Zeichen der Aussöhnung gewertet würde.[2]
Für die Reichsregierung bleibt angesichts der komplexen diplomatischen Lage derzeit nur, das Ringen der Pariser Fraktionen abzuwarten.[4] In Frankreich muss die Lage in den kommenden Wochen eindeutig und ohne Täuschung geklärt werden.[4] Solange diese innenpolitische Klärung nicht erfolgt ist oder eine akute Zuspitzung der finanziellen Lage Frankreichs zu schnellem Handeln zwingt, ändert sich am Zustand am Rhein und im Saargebiet vorerst nichts.[4]