Die diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und Italien sind am Wochenende durch schwere Zwischenfälle auf der Insel Korsika einer empfindlichen Belastungsprobe ausgesetzt worden.[1] Auf die Nachricht von faschistischen Übergriffen in Italien kam es in der Hafenstadt Bastia zu gewaltsamen Demonstrationen, die sich massiv gegen das dortige italienische Konsulat richteten.[1]
Auslöser der Unruhen war, wie der Figaro berichtet, ein Vorfall, der sich bereits am Donnerstag im Hafen von Livorno ereignet hatte.[2] Dort waren Mitglieder faschistischer Gruppen an Bord des französischen Postdampfers Liamone eingedrungen, welcher auf der Route von Marseille über Bastia nach Livorno verkehrt.[2] Sie zwangen den Kapitän unter Androhung von Gewalt, die französische Flagge einzuziehen und stattdessen das italienische Tuch zu hissen.[1][2]
Als Reaktion auf diese Nachricht bildete sich in Bastia rasch ein antifaschistisches Komitee.[2] Am Sonntag zogen mehrere tausend Personen vor das Gebäude des italienischen Generalkonsuls und forderten diesen auf, die italienische Fahne vom Dach zu entfernen.[1] Als der Konsul das Ansinnen ablehnte, verschärfte sich die Lage zunehmend.[1] Die Menge warf Fensterscheiben des Konsulats mit Steinen ein und riss das italienische Staatswappen gewaltsam herab.[1] Nach Angaben des Hamburger Echo war die örtliche Polizei gegenüber den anstürmenden Massen machtlos.[1] Der Konsul sah sich schließlich gezwungen, neben der italienischen auch eine französische Flagge aufzuziehen.[2]
Anschließend wandte sich der Demonstrationszug dem Hafen zu.[1] Die Kapitäne von drei dort ankernden italienischen Schiffen wurden genötigt, ebenfalls die französischen Farben zu setzen und diese bis zur Abfahrt nicht wieder einzuholen.[1][2] Das englische Schiff Cisttera, das aus London kam, hatte bereits die französische Flagge gehisst, worauf es von den Demonstranten mit Sympathiebekundungen bedacht wurde.[2] Um das italienische Konsulat vor weiteren Übergriffen zu schützen, wurden Infanterieabteilungen und Gendarmerie herangezogen, die das Gebäude nunmehr scharf bewachen.[1] Im Verlauf der städtischen Zusammenstöße erlitten mehrere Polizeibeamte sowie Soldaten Verletzungen.[1]
Die angespannte Stimmung wirkte sich indes auch auf die französisch-italienische Landgrenze aus. Am Mont Cenis hinderten italienische Karabinieri zahlreiche französische Reisende daran, die Grenze zu überschreiten.[1] Die Beamten gaben an, strikte Anweisungen aus Rom zu haben, vorerst keine französischen Staatsbürger einreisen zu lassen.[1]
Trotz dieser Vorfälle bemühen sich die Regierungen in Paris und Rom um eine rasche Beilegung des Konflikts.[3] Nach Berichten des Hong Kong Telegraph fand in Rom eine längere Unterredung zwischen dem französischen Botschafter und dem italienischen Ministerpräsidenten Mussolini statt.[3] In halbamtlichen Pariser Kreisen heißt es, die Lage sei hinsichtlich der Haltung der Regierungen geklärt.[3] Beide Seiten hätten sich darauf verständigt, die Ursachen der Störung rasch zu beseitigen und an den freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Nationen festzuhalten.[3]