In der neuen türkischen Hauptstadt schweben derzeit aussichtsreiche Vorbesprechungen über einen umfassenden Handels- und Niederlassungsvertrag.[1] Wie die Kölnische Zeitung berichtet, werden die Verhandlungen auf deutscher Seite von Botschafter Nadolny und Generalkonsul Fabricius geführt.[1] Beide Parteien bekunden den unbedingten Willen, die wirtschaftlichen Beziehungen nach den Erschütterungen der Nachkriegszeit einvernehmlich neu zu ordnen.[1]

Die Notwendigkeit einer festen vertraglichen Basis zeigt sich an der jüngsten Handelsentwicklung.[1] Während die Türkei im Jahre 1913 noch rund 144.800 Tonnen Waren nach Deutschland ausführte, verkaufte die deutsche Industrie der Türkei im Jahre 1923 Güter für etwa neun Millionen Pfund Sterling. Hauptsächlich handelte es sich um Baumwollwaren, Eisenbahnschienen und Maschinen.[1] Für das erste Halbjahr 1925 ergibt sich jedoch ein Überschuss zugunsten Angoras: Einer deutschen Ausfuhr von 3,9 Millionen Goldmark steht eine türkische Lieferung im Wert von 6,5 Millionen Goldmark gegenüber.[1]

Dem Blatt zufolge strebt die Türkei eine weitere Steigerung ihres Exports an; an erster Stelle steht dabei Tabak.[1] Allein für das Jahr 1925 rechnet man mit einer türkischen Lieferung von 15 Millionen Kilogramm Tabak, was fast einem Drittel der gesamten deutschen Tabakeinfuhr entspricht.[1] Ein harter Wettbewerb entbrennt allerdings im Hinblick auf den Abbau der deutschen Zölle.[1] Das durch die Nachkriegszeit wirtschaftlich geschwächte Deutschland hatte auf traditionelle türkische Exportartikel wie Feigen und Weintrauben hohe Zölle erhoben, um die eigene Volkswirtschaft zu schützen.[1] Die türkische Regierung fordert nun Schutzmaßnahmen gegenüber der südeuropäischen Konkurrenz und besteht auf die Meistbegünstigung, die ihr seit der Kündigung des spanischen Handelsvertrags im Oktober 1925 teilweise entzogen wurde.[1]

Auch der geplante Niederlassungsvertrag eröffnet neue Möglichkeiten für die Zusammenarbeit.[1] Das wirtschaftlich erstarkende Anatolien sucht dringend nach qualifizierten ausländischen Facharbeitern für den Eisenbahn- und Brückenbau, lehnt jedoch wenig erfahrene europäische Arbeitskräfte ab.[1] Gleichzeitig wird es für die deutsche Exportindustrie erforderlich sein, ihre Anstrengungen zu erhöhen, um der amerikanischen Überlegenheit bei landwirtschaftlichen Maschinen sowie der andauernden italienischen Präsenz auf dem Textilmarkt entgegentreten zu können.[1]