Eine Naturkatastrophe von apokalyptischem Ausmaß hat den äußersten Südosten der Vereinigten Staaten heimgesucht. Der gewaltige Wirbelsturm, der sich über den Bahamas gebildet hatte, ist in der Nacht zum Sonnabend mit voller Wucht auf die Ostküste Floridas getroffen und hat eine Spur der Verwüstung hinterlassen, die in der modernen amerikanischen Geschichte ihresgleichen sucht. Das Ausmaß der Tragödie lässt sich gegenwärtig nur in Umrissen erahnen, da weite Teile des Katastrophengebiets von der Außenwelt abgeschnitten sind. Die Küste Floridas, die durch den warmen Golfstrom das ganze Jahr hindurch heiteren Himmel und üppige Vegetation genießt, bot noch vor wenigen Tagen das Bild eines irdischen Paradieses. Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung in einer Betrachtung anmerkt, war diese Region eine Schöpfung unbegrenzten Reichtums, in der die amerikanischen Oberschichten in den letzten Jahren einen beispiellosen Luxus entfalteten.[1]
Nun ist all diese Pracht in einen riesigen Trümmerhaufen verwandelt worden. Die Angaben über die Zahl der Opfer schwanken stark und nehmen mit jeder Stunde erschreckendere Dimensionen an. Der persönliche Vertreter des Gouverneurs Martin, John E. Taylor, meldete zunächst 173 Tote und knapp 1500 Verletzte für den unteren Abschnitt der Ostküste.[2] Doch diese ersten Zahlen erwiesen sich rasch als viel zu optimistisch. Dem Hamburger Echo zufolge steht bereits fest, dass mindestens 1215 Todesopfer zu beklagen sind, während rund 50.000 Menschen obdachlos in den Ruinen umherirren.[3] Nach Berichten der Los Angeles Times schätzt die Lokalzeitung Miami Tribune die Zahl der Toten mittlerweile auf über 2000 Personen.[4] Die amerikanischen Behörden gehen von einem wirtschaftlichen Schaden aus, der weit über 200 Millionen Dollar liegt; das Hamburger Echo taxiert den Verlust sogar auf rund eine Milliarde.[2][3]
Die ersten Beobachtungen aus Flugzeugen lieferten ein grauenhaftes Bild. In den Küstenstädten sah man inmitten des Trümmerfeldes ganze Haufen von Leichen. Flüchtlingsströme bahnten sich mühsam einen Weg durch das Chaos.[3] Zu Beginn des Orkans war die gesamte Gegend in undurchdringliches Dunkel gehüllt; unter dem Toben des Sturms krachten Bäume und ganze Hausteile auf die Straßen.[5] Die berühmten Wolkenkratzer aus Eisen und Beton vermochten dem Druck der entfesselten Elemente nicht standzuhalten. Nach Angaben des Westfälischen Merkur waren die Riesenbauten von Miami zum Teil auf Pfählen errichtet, was sich nun als verhängnisvoll erwies.[5] Die Wassermassen des aufgewühlten Ozeans ergossen sich gnadenlos in die Straßen. Eine unfassbare Tragödie ereignete sich in einem bekannten Luxushotel: Die Bewohner flüchteten vor dem Wind aus dem ersten Stockwerk in den Keller und wurden unmittelbar darauf von den hereinbrechenden Meeresfluten überrascht, aus denen es für viele kein Entrinnen mehr gab.[5] Im Hafen von Miami wurden Luxusjachten und Boote wie Spielzeuge auf das Festland geworfen und zerschellten an den Gebäuden.[3]
Auch die umliegenden Ortschaften sind fast vollständig vom Erdboden verschwunden. Der Hong Kong Telegraph meldet, dass in der Siedlung Hollywood 250 Menschen den Tod fanden und 1000 weitere verletzt wurden.[6] Aus dem Harburger Tageblatt geht hervor, dass in Lakeworth jedes fünfte Haus zerstört ist. In Orten wie Lemon City und Little River steht kein einziges Gebäude mehr; im schwer getroffenen Dania ragt lediglich noch die Kirche aus den Trümmern empor.[7] Ein besonders tragisches Schicksal ereilte die Bewohner von Moore Haven, etwa siebzig Meilen nordwestlich von Fort Lauderdale. Dort brachen unter dem gewaltigen Druck der Fluten die Dämme des Lake Okeechobee.[6] Das Seewasser ergoss sich ungehindert über das flache Land. Allein in diesem Gebiet ertranken etwa 200 Menschen in den brausenden Wassermassen.[4]
Die Verzweiflung der Überlebenden ist grenzenlos. In den Straßen wühlen Mütter in den Trümmern, die zusehen mussten, wie ihre Kinder in den Fluten ertranken.[4] Ein erschütterndes Zeugnis der Not liefert ein Funkspruch des Sheriffs von Dade County an die benachbarte Stadt Jacksonville: Er forderte die sofortige Entsendung von 600 Särgen, um der wachsenden Zahl ungeborgener Leichen Herr zu werden und den Ausbruch von Seuchen zu verhindern.[6]
Unterdessen hat der Sturm seinen Pfad der Verwüstung quer über die Halbinsel fortgesetzt und das Festland am Golf von Mexiko erreicht. Laut der Washington Post zog der Orkan in westlicher Richtung weiter und traf am Montagnachmittag die Küstenstädte in Alabama und im westlichen Florida.[2] Aus Pensacola und Mobile fehlen zurzeit alle direkten Nachrichten, da sämtliche telegrafischen Verbindungen unterbrochen sind.[3] Kurz bevor die Leitungen brachen, wurde aus Pensacola eine Windgeschwindigkeit von über 160 Kilometern pro Stunde gemeldet. In Mobile wütete ein Sturm von solcher Stärke, dass unzählige Angestellte stundenlang in den Geschäftsgebäuden der Innenstadt gefangen waren.[2] Es wird ungeheurer Schaden befürchtet, zumal sich auf dem Ozean zahlreiche Schiffe in höchster Seenot befinden. Darunter sollen sich acht Passagierdampfer befinden, die auf der Route zwischen New York und Florida verkehrten; von ihnen fehlt bis zur Stunde jedes Lebenszeichen.[5]
In den Trümmerstädten Floridas herrschen derweil chaotische Zustände. Bereits in der Nacht zum Sonntag begannen skrupellose Elemente mit Plünderungen. Der Orkan hatte die Schaufenster der Juweliere in Miami eingedrückt, sodass Silberwaren und Edelsteine auf das Straßenpflaster gespült wurden.[2] Um der grassierenden Anarchie und der ausufernden Preissteigerung bei Lebensmitteln Einhalt zu gebieten, wurde umgehend der Belagerungszustand über das betroffene Gebiet verhängt.[5] Hilfspolizisten patrouillieren durch die Straßen und gehen mit äußerster Strenge gegen jeden vor, der aus der Not Profit schlagen will.[4]
Die Hilfsmaßnahmen für die hungernden und obdachlosen Massen laufen unterdessen im ganzen Land an. Präsident Coolidge hat sich an die Nation gewandt und zu einer allgemeinen Sammlung für die Opfer aufgerufen.[5] Unter der Leitung des Amerikanischen Roten Kreuzes rollen bereits Sonderzüge mit Hunderten von Ärzten und Krankenschwestern in das Katastrophengebiet.[6] Ein akuter Mangel an Trinkwasser und unverdorbener Nahrung erschwert die Rettungsarbeiten erheblich. Das immer noch hohe Wasser macht den Zugang in viele Viertel unmöglich.[5] Zudem wurden dringend Lieferungen von Antitoxinen gefordert, da in den verseuchten Gewässern und Trümmern die Gefahr einer Tetanus-Epidemie droht. Medikamente werden mit Flugzeugen in die Notstandsgebiete gebracht.[4] Die amerikanische Presse hat sich der wohltätigen Aufgabe voll angenommen: Zeitungen wie die Washington Post und die Los Angeles Times haben eigene Hilfsfonds eingerichtet und mit beträchtlichen Geldspenden für die landesweite Linderung der größten Not gesorgt.[2][4] Inmitten all dieses Leids steht die Regierung vor der großen Aufgabe, das einstige Tropenparadies wieder bewohnbar zu machen.