In seiner gestrigen Nachmittagssitzung befasste sich der Völkerbundrat eingehend mit zwei Angelegenheiten, die der deutschen Delegation unter Außenminister Stresemann besonderes Interesse abnötigten. Auf der Tagesordnung standen die prekäre Finanzlage der Freien Stadt Danzig sowie die Beschwerde des memelländischen Landtags gegen die litauische Regierung.[1]

Den Auftakt der Beratungen bildete ein eindringlicher Appell des Danziger Senatspräsidenten Sahm. Er schilderte die außergewöhnlichen Umstände, die das Defizit im Danziger Budget für das Jahr 1926/27 herbeigeführt haben.[2][3] Nach Angaben des Harburger Tageblatts verwies Sahm auf die allgemeine Wirtschaftskrise, die Ende 1925 über Mitteleuropa hereinbrach und die Zahl der Erwerbslosen in der Freien Stadt auf über 20.000 ansteigen ließ.[3] Eine Hauptursache für die Schieflage sei die Entwertung des polnischen Zloty, die zu einem massiven Rückgang der Zolleinnahmen geführt habe.[2][1] Während Danzig 1924 noch 23 Millionen Gulden aus Zöllen vereinnahmte, werde der Reinertrag im laufenden Rechnungsjahr voraussichtlich zwei Millionen Gulden kaum überschreiten.[2]

Sahm äußerte Enttäuschung darüber, dass das Finanzkomitee lediglich eine Anleihe von 30 Millionen statt der erhofften 60 Millionen Gulden empfehle.[2] Zudem belaste die Stadt eine schwebende Schuldenlast von mehr als 13 Millionen Gulden. Das strikte Verbot neuer Kredite sei unter diesen Umständen kaum erfüllbar.[2] Der polnische Außenminister Zaleski zeigte sich daraufhin konziliant und erkannte an, dass der Rückgang der Einfuhr aus Polen die Danziger Wirtschaft schwer treffe.[1] Er erneuerte die Zusage, einen neuen Verteilungsschlüssel für die Zolleinkünfte aufzustellen und die zollfreie Einfuhr von Tabak zu gestatten.[2][1] Dem Vorwärts zufolge sieht das neue Abkommen vor, dass Polen die Differenz begleichen muss, falls der Danziger Anteil unter 14 Millionen Gulden sinkt. Umgekehrt verzichtet Danzig auf Beträge über 20 Millionen.[4] Ferner wird Danzig bei Ermittlungsverfahren gegen eigene Zollbeamte künftig stets polnische Inspektoren hinzuziehen.[4]

Außenminister Stresemann betonte im Anschluss die engen Beziehungen zwischen Deutschland und Danzig.[2][1] Er wies darauf hin, dass die schwebenden Schulden der Stadt zum größten Teil von deutschen Banken gewährt worden seien.[1] Stresemann äußerte die Hoffnung auf eine baldige Beendigung des deutsch-polnischen Zollkrieges durch einen Handelsvertrag.[1] Der Völkerbundkommissar in Danzig, van Hamel, enthielt sich in diesem Stadium einer Stellungnahme.[2][3] Der Berichterstatter de Brouckère und Lord Robert Cecil machten deutlich, dass die Aufnahme einer Anleihe ein finanzielles Unternehmen sei. Dessen Gelingen hänge ausschließlich vom Willen der Kreditgeber ab.[2][1] Auf Bitten Sahms wurde Danzig schließlich anheimgestellt, sich bei dringendem Geldbedarf vor Dezember erneut an den Vorsitzenden des Finanzkomitees zu wenden.[2]

Als zweiter Verhandlungspunkt stand die Beschwerde des memelländischen Landtags über Verletzungen des Memelabkommens durch Litauen zur Debatte.[1] Die im Frühjahr und Sommer eingereichten Beschwerden waren von einer Juristenkommission geprüft worden.[1] Diese kam zu dem Schluss, dass formelle Beschwerden nicht direkt an den Völkerbund, sondern an die im Rat vertretenen Staaten gerichtet werden müssen.[1] Stresemann erklärte, die Frage des Verfahrens sei nachrangig, solange jede im Völkerbundrat vertretene Macht das Recht behalte, derartige Rechtsverletzungen zur Sprache zu bringen.[1] Da das drängendste finanzielle Problem zwischen dem Memelland und Litauen vorerst durch ein Abkommen geregelt sei, schlug Lord Cecil vor, die Angelegenheit zu vertagen.[1] Dieser Empfehlung schlossen sich der italienische Vertreter Scialoja sowie Minister Stresemann an, sodass der Rat die weitere Behandlung aussetzte.[1]