Die interne Krise der Kommunistischen Partei Deutschlands verschärft sich zusehends. Das Hamburger Echo berichtet über eine bemerkenswerte Resolution der Berliner Betriebszelle Konsum, an deren Spitze der frühere politische Leiter des Bezirks Wedding, Giwan, steht.[1] Das Dokument kritisiert die Führung der Partei und der Komintern aufs Schärfste. Die Maßregelung von Sinowjew (Grigori Sinowjew) und anderen Führern der linken Opposition in Russland sowie die Massenausschlüsse innerhalb der KPD werden als Beginn einer Liquidierung der Dritten Internationale bezeichnet.[1]
Der Text der oppositionellen Zelle geht in seiner Verurteilung der sowjetischen Verhältnisse ungewöhnlich weit. Die Zelle behauptet, dass die in der Sowjetunion durchgeführte Rationalisierung fast vollständig auf Kosten des Proletariats erfolge.[1] Die staatliche und gesellschaftliche Ordnung in Russland stehe bereits unter dem Zeichen der Reaktion. Die proletarische Diktatur werde offen abgebaut.[1] Folgerichtig ruft die Resolution zu einer zweiten Revolution auf, um die Macht des Kulakentums und der sogenannten Nep-Bourgeoisie zu stürzen.[1] Das offizielle Organ der KPD, die Rote Fahne, hat auf diese Veröffentlichung mit äußerster Erregung reagiert und sie als internationalen Menschewismus verurteilt.[1]
Dem Vorwärts zufolge ist die Opposition im kommunistischen Lager stark zersplittert.[2] Die Gruppe um Karl Korsch und Ernst Schwarz hat ihr bisheriges Diskussionsblatt in ein neues Organ mit dem Titel Entschiedene Linke umgewandelt.[2] Diese Fraktion distanziert sich strikt von den ausgeschlossenen Führern Ruth Fischer und Maslow (Arkadi Maslow) und bezeichnet sie als prinzipienlos.[2] Auch die russische Opposition wird von dieser Gruppe als haltloses Konglomerat angesehen, das lediglich einen kleinlichen Kampf gegen die personelle Diktatur von Stalin (Josef Stalin) führe.[2]
Unterdessen agieren die aus der Partei ausgeschlossenen Fischer und Maslow als eine Art illegale Zentrale für die noch in der KPD verbliebenen oppositionellen Zellen.[2] Sie halten enge Verbindungen zu den rund 700 Unterzeichnern eines bekannten Aufrufs gegen die Parteiführung.[2] Da zahlreichen dieser Unterzeichner in naher Zukunft der Parteiausschluss droht, befürchtet die Parteizentrale die Bildung einer schlagkräftigen Untergrundorganisation.[2] Die internationale Tragweite dieser Flügelkämpfe zeigt sich auch im benachbarten Ausland. Wie die Prawda anmerkt, sah sich das Zentralkomitee der österreichischen Kommunistischen Partei unlängst gezwungen, eine Resolution zu verabschieden. In dieser stellt es sich ausdrücklich hinter die Linie der sowjetischen Führung und verurteilt die deutschen Oppositionellen.[3] Dass die KPD-Führung von dieser tiefen Zerrüttung mit propagandistischen Manövern abzulenken versucht, zeigt sich an der viel beachteten zweiten Arbeiterdelegation nach Russland. Ein dort angeblich teilnehmendes sozialdemokratisches Mitglied aus Zwickau namens Bielig existiert, wie die Zwickauer SPD feststellte, in Wahrheit überhaupt nicht.[2]