Die deutsch-französische Verständigung ist nach den denkwürdigen Begegnungen in der Völkerbundstadt in das Stadium akuter Verhandlungen getreten.[1] Durch einen Beschluss des französischen Ministerrats ist Außenminister Aristide Briand formell bevollmächtigt worden, die weitreichenden Unterredungen von Thoiry mit Reichsminister Dr. Stresemann fortzusetzen.[1] Eine entsprechende Vollmacht für die deutsche Seite wird nach der Rückkehr des Ministers erwartet.[1] Die Reichsregierung tritt am heutigen Freitagvormittag zusammen, um einen Beschluss über die Haltung zu den Genfer und Thoiry-Gesprächen zu fassen. Es wird davon ausgegangen, dass Stresemann den Auftrag zur baldigen Fortsetzung des Ausgleichswerks erhalten wird.[2]

Der Reichsaußenminister traf bereits am Donnerstagnachmittag in Begleitung von Staatssekretär Dr. Weismann und Ministerialdirektor Kiep auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin ein. Dort wurde er von Reichskanzler Dr. Marx, mehreren Reichsministern sowie den Vertretern des diplomatischen Korps, darunter dem englischen Botschafter und dem französischen Geschäftsträger, empfangen.[2] Unmittelbar nach seiner Ankunft suchte Dr. Stresemann den Reichspräsidenten auf und berichtete ihm in einem etwa einstündigen Vortrag über die Ergebnisse von Genf.[2] Herr von Hindenburg dankte dem Minister für seine mühevolle Arbeit und gab der Hoffnung Ausdruck, dass die angebahnten Verhandlungen zur baldigen Befreiung des Rheinlandes und des Saargebietes führen werden.[2] Jüngste Versuche bestimmter Kreise, einen Gegensatz zwischen dem Reichspräsidenten und der offiziellen Außenpolitik der Reichsregierung zu konstruieren, werden in gut unterrichteten politischen Kreisen als unkluges Ablenkungsmanöver zurückgewiesen.[2]

Das Kernproblem der anstehenden Einzelverhandlungen ist unendlich einfach formuliert, aber in seiner praktischen Durchführung von größter Komplexität: Frankreich benötigt zur Stützung des fallenden Franken dringend liquide Mittel, während Deutschland politische Erleichterungen, insbesondere die vorzeitige Räumung der besetzten Gebiete, anstrebt.[1][2] Zwar müsste das Rheinland gemäß dem Versailler Vertrag bis zum Jahre 1935 ohnehin geräumt werden, doch liegt es im klaren Interesse der französischen Finanzwelt, für eine frühere Räumung erhebliche finanzielle Vorteile zu erlangen.[3] Selbst jene Pariser Politiker, die gewöhnlich für die strikte Unverletzlichkeit des Friedensvertrages eintreten, könnten gegen einen solchen Schritt kaum Einwände erheben, falls Deutschland große finanzielle Opfer bringt. Die Besetzung des linken Rheinufers war primär als Garantie für die Reparationszahlungen gedacht.[3]

In den Erörterungen nimmt die Mobilisierung eines Teils der deutschen Eisenbahnobligationen die zentrale Stellung ein.[2] Von den 26 Milliarden Goldmark Kapitalwert der Reichsbahn sind bekanntlich 13 Milliarden als Stammaktien im Besitz der Gesellschaft geblieben, während zwei Milliarden als Vorzugsaktien ausgegeben wurden.[2] Die restlichen elf Milliarden befinden sich in den Händen des Treuhänders.[2] Diese Obligationen sind vom vierten Reparationsjahr an mit fünf Prozent verzinsbar und müssen mit einem Prozent getilgt werden, was bedeutet, dass das Reich jährlich 660 Millionen Mark an den Reparationsagenten abführen muss.[2] Der in Thoiry skizzierte Plan sieht vor, dass zwei Milliarden dieser Obligationen durch den Reparationsagenten weitergegeben werden.[2] Frankreich könnte seinen Anteil daran in Höhe von 1,2 Milliarden Mark als Sicherheit bei amerikanischen Privatbankiers hinterlegen und im Gegenzug eine Anleihe erhalten.[2]

Die außerordentliche Schwierigkeit dieses Unterfangens liegt in den Bestimmungen des Dawesplanes.[2] Der Generalagent für die Reparationszahlungen, Parker Gilbert, besitzt das Recht, den Transfer der Zinszahlungen zu unterbinden, falls die Stabilität der deutschen Währung durch die Abführung derart hoher Markbeträge an das Ausland gefährdet erschiene.[2] Eine rein deutsch-französische Einigung reicht daher nicht aus. Es handelt sich vielmehr um eine Sonderaktion, die der Zustimmung aller Gläubigerstaaten bedarf.[2] Zur Klärung dieser komplizierten Vorfragen weilt gegenwärtig bereits der französische Finanzsachverständige Parmentier — ein enger Vertrauensmann Loucheurs — in Berlin, um mit Parker Gilbert zu verhandeln.[2] Maßgebliche französische Finanzkreise erwarten, dass noch vor dem 1. Oktober bestimmte schriftliche Vorschläge der deutschen Seite vorliegen.[1]

Über die Höhe der ins Auge gefassten Summen zirkulieren in der Auslandspresse abenteuerliche Zahlen. Das Pariser Blatt L'Intransigeant berichtet unter Berufung auf angebliche offizielle Missionen, Dr. Stresemann habe in Thoiry die Summe von acht Milliarden Goldmark — was etwa 70 Milliarden französischen Papierfranken entspräche — angeboten.[1] Dies würde bedeuten, dass nicht nur die Obligationen der Reichsbahn, sondern auch jene der deutschen Industrie mobilisiert werden müssten.[1] Dem Intransigeant zufolge forderte Stresemann als Gegenleistung nicht nur die Räumung der Rheinlande, sondern auch die Zuweisung von Kolonialmandaten oder den Rückkauf der Saarbergwerke.[1] Briand wiederum habe als unabdingbare Vorbedingung für eine solche umfassende Annäherung die Auflösung der militärischen Geheimorganisationen in Deutschland verlangt.[1]

Während die finanztechnischen Details in Berlin geprüft werden, hat eine Genfer Rede Stresemanns zur Kriegsschuldfrage in Paris erheblichen Staub aufgewirbelt und die Atmosphäre von Thoiry belastet.[4] Der Temps bezeichnet die Ausführungen des deutschen Außenministers als ärgerlichen Zwischenfall und bezweifelt, dass Stresemann selbst ernsthaft an eine Revision der durch Artikel 231 des Versailler Vertrages geregelten Schuldfrage glaube.[4] Der Völkerbund, so das Blatt weiter, habe Deutschland zwar einen guten Empfang bereitet, wolle damit aber keineswegs die moralische Anschuldigung zurückziehen, sondern lediglich seine Weitherzigkeit beweisen. Ziel sei es, die für den Wiederaufbau Europas notwendige Versöhnung zu erleichtern.[4] Die französische Presse wertet den Vorstoß überwiegend als eine politische Taktik der deutschen Diplomatie und vermutet zugleich, dass es sich primär um ein Zugeständnis an die innenpolitische Lage in Deutschland handelt.[4] Hinsichtlich der in der gleichen Rede angeblich geforderten Wiedererlangung der politischen Freiheit Deutschlands unterstrich der Temps, dass das Gesamtproblem ausschließlich auf der Grundlage des Versailler Vertrages gelöst werden könne, der in vollem Umfange bestehen bleibe.[4]

Für den Fortgang der deutsch-französischen Verhandlungen wird die internationale Gruppierung der Mächte von ausschlaggebender Bedeutung sein.[1] Es ist der Geschicklichkeit Briands gelungen, die alte französische Front im Völkerbundrat wieder zu schließen.[1] Dabei zeigt sich jedoch, dass Frankreichs Diplomatie sich auch gegen Schwierigkeiten von anderer Seite abzusichern sucht.[1] Auffällig war in diesem Zusammenhang die französische Unterstützung der chinesischen Ratswünsche in Genf. Ihre Befriedigung bedeutete eine diplomatische Niederlage für den britischen Außenminister Chamberlain und führte zu einer merklichen Abkühlung des französisch-englischen Verhältnisses.[1]

Trotz dieser vielschichtigen diplomatischen Verwicklungen bleibt der Wille zur Verständigung auf beiden Seiten das treibende Element. Unmittelbar vor seiner Abreise richtete Dr. Stresemann noch eine Botschaft an die Bevölkerung des Rheinlandes, in der er betonte, dass inmitten der historischen Genfer Tage die Blicke unaufhörlich auf das besetzte Gebiet gerichtet gewesen seien.[2] Ob sich die gewaltigen finanziellen Vorhaben tatsächlich realisieren lassen, muss die Prüfung durch die Experten erweisen. Sollte sich jedoch zeigen, dass diese Leistungen nicht vollbracht werden können, wäre nach Ansicht maßgebender französischer Finanzkreise das Vertrauen in die deutsch-französische Annäherung für längere Zeit erschüttert.[1]