Der unbezwingbar geglaubte Schwergewichtsweltmeister ist entthront. In den späten Abendstunden des gestrigen Tages sicherte sich Gene Tunney im Sesquicentennial-Stadion von Philadelphia vor einer gigantischen Kulisse den Weltmeistertitel im Boxen, nachdem er Jack Dempsey in zehn hart umkämpften Runden nach Punkten besiegt hatte.[1][2] Dempsey, der die Krone des Schwergewichts mehr als sieben Jahre lang trug, musste sich seinem Herausforderer vor einer Rekordmenge von über 132.000 Zuschauern geschlagen geben.[2][3] Der Vorwärts schätzt die Menge in einer ersten Meldung gar auf 150.000 Menschen, die in atemloser Spannung dem Spektakel folgten.[4] Einem Bericht des Pariser Figaro zufolge überstieg der Andrang sämtliche Erwartungen des Promoters Tex Rickard.[5] Die Hotels der Stadt waren restlos überfüllt, und Eintrittskarten im regulären Wert von 50 Dollar wechselten in letzter Minute auf dem Schwarzmarkt für beträchtliche Summen von bis zu 600 Dollar den Besitzer.[5]

Der Kampf, der unter widrigen Bedingungen in feuchter Schwüle begann und schließlich in strömendem Regen endete, bot eine der größten Sensationen in der Geschichte des Boxsports.[1][3] Wie die China Mail detailliert schildert, wog Dempsey beim offiziellen Wiegen 190 Pfund, Tunney 185,5 Pfund.[6] Bereits in den ersten beiden Runden demonstrierte der neue Weltmeister seine Überlegenheit und hielt den Titelverteidiger mit klugem Boxen auf Distanz.[6] Auch dem Vorwärts zufolge führte Tunney in der ersten Hälfte des Kampfes einwandfrei.[4] Zwar bemühte sich Dempsey wiederholt um einen entscheidenden Treffer, geriet jedoch immer wieder in die Defensive und wurde bereits im dritten Durchgang durch schwere Schläge an die Seile gedrängt.[6] Gegen Ende des Gefechts zeigte sich ein erschütterndes Bild des einst gefürchteten Champions: In der neunten Runde landete Tunney einen schweren Schwinger, der den bereits schwer gezeichneten Titelverteidiger stark ins Wanken brachte.[4][6] Bei Ertönen des letzten Gongs taumelte Dempsey mit einem zugeschwollenen linken Auge und blutüberströmtem Gesicht in seine Ecke, während Tunney das Gefecht nahezu unversehrt und mit einem Lächeln beendete.[1]

Die Verkündung des klaren Punktsieges durch die Punktrichter ging im ohrenbetäubenden Jubelsturm der Menge unter.[1][4] Unmittelbar danach stürmten so viele begeisterte Zuschauer den Ring, dass die Polizei massiv eingreifen musste, um die Ordnung wiederherzustellen.[3][6] In ersten Stellungnahmen zeigten sich beide Kontrahenten tief bewegt. Der neue Champion erklärte laut Washington Post erschöpft: „Ich habe gesagt, dass ich gewinnen würde. Ich bin müde, denn ich glaube nicht, dass Jack mich nicht verletzt hat. Aber ich bin glücklich.“[1] Dempsey wiederum erwies sich in der Niederlage als fairer Sportsmann. „Der Titel ist weg. Der bessere Mann hat heute gesiegt“, gab er zu Protokoll.[1] Er räumte ein, durch private Sorgen aus dem Gleichgewicht geraten zu sein, wozu auch bösartige Gerüchte über einen geplanten Anschlag auf seine Frau beigetragen hätten.[1] Seine Beine seien ihm im Ring nicht gefolgt, obwohl sein Kiefer auch Tunneys härtesten Schlägen standhielt.[1]

Der organisatorische und finanzielle Rahmen dieser Weltmeisterschaft sprengte sämtliche bisherigen Maßstäbe des Sports. Die Einnahmen aus dem Kartenverkauf beliefen sich auf über 2,1 Millionen Dollar.[1][3] Von dieser Summe entfielen 800.000 Dollar auf Dempsey, 200.000 Dollar auf Tunney und eine halbe Million auf den Veranstalter.[1] Darüber hinaus war das mediale Echo außergewöhnlich. Der Sender KDKA übertrug eine Reportage direkt vom Ringrand auf Kurzwelle, wodurch nicht nur Nordamerika, sondern schätzungsweise zwanzig Millionen Zuhörer bis nach Europa das Ereignis verfolgen konnten.[5][3] Bemerkenswert ist ferner der Wandel im Boxpublikum: Nach Angaben der Washington Post befanden sich rund 25.000 Frauen unter den Zuschauern im Stadion.[1] Auch Tunney selbst griff auf neuartige Methoden zurück: Um jedes Risiko auf den regennassen Straßen zu vermeiden, flog er kurzerhand in einem Curtiss-Oriole-Flugzeug zum Kampfort, anstatt ein Automobil zu nutzen.[6]