Die politische und militärische Lage im Reich der Mitte spitzt sich auf drastische Weise zu. Gleichzeitig tritt eine entscheidende Entspannung im Wirtschaftskrieg zwischen Südchina und Großbritannien ein. Wie die Kantoner Regierung offiziell bestätigte, wird der seit langem andauernde anti-britische Boykott beendet.[1][2] Der Außenminister der südchinesischen Regierung, Eugene Chen, teilte dem britischen Generalkonsul diesen Schritt in einem offiziellen Schreiben mit.[2] In diesem Schreiben wird betont, dass die zukünftige Festigkeit der englisch-chinesischen Beziehungen maßgeblich von der Politik Großbritanniens und dem Verständnis für das chinesische Nationalgefühl abhängig sei.[2] Auch die Washington Post zitiert eine entsprechende Erklärung Chens. Darin heißt es, die Wiederherstellung der regulären Handelsbeziehungen hänge davon ab, welche Haltung London einnehme.[1]

Obwohl eine Depesche der Nachrichtenagentur Reuter behauptet, der Boykott sei bereits faktisch aufgehoben, besteht vor Ort noch Unklarheit über das genaue Datum.[3] Einigen Quellen zufolge soll die Sperre endgültig am 1. Oktober fallen. Angeblich seien die Streikposten an den Toren von Schamien bereits zurückgezogen worden.[3] Auf dem Finanzmarkt Hongkongs führt bereits die Aussicht auf eine Einigung zu einer spürbaren Belebung des Börsengeschäfts. Zugleich sinkt der Sterlingkurs gegenüber dem Dollar.[3] Dennoch bildet sich innerhalb der Kuomintang politischer Widerstand. Berichten des Hong Kong Telegraph zufolge lehnt die sogenannte ‚Prinzen‘-Clique unter Führung von Sun Fo die Beendigung der Maßnahmen ab.[3] Die Gegner der Einigung werfen Eugene Chen vor, ein „Imperialist“ zu sein, der im Herzen eigentlich Brite sei. Sie planen offenbar neue Organisationen, um die Diskriminierung britischer Waren fortzusetzen.[3]

Die britische Regierung hat unterdessen aufgrund der bedrohlichen Lage militärisch reagiert. Das Hamburger Echo meldet, dass England plane, seine Ostasienflotte vor Schanghai zusammenzuziehen, falls die Metropole fallen sollte.[2] Neun britische Kriegsschiffe — die gesamte dritte Flottille der Mittelmeerflotte — wurden überraschend von Malta abkommandiert und befinden sich mit Höchstgeschwindigkeit auf dem Weg nach China.[1] Dort sollen sie die bereits in chinesischen Gewässern operierenden Kreuzer unterstützen.[1]

Auf diplomatischer Ebene strebt London eine gemeinsame Aktion der Großmächte an, sieht sich jedoch Hindernissen gegenüber. Laut dem Pariser Figaro haben die Vereinigten Staaten einen britischen Vorschlag zu einer militärischen Intervention abgelehnt.[4] Die Verhandlungen mit dem japanischen Kaiserreich dauern an, doch Tokio stellt weitreichende Bedingungen für seine Zusammenarbeit.[4] Dazu gehören unter anderem die Reduzierung des britischen Flottenstützpunkts in Singapur auf ein Minimum, die Anerkennung besonderer japanischer Interessen in Zentralchina sowie die Unterstützung des japanischen Einflusses in Nordchina, der Mandschurei und der Mongolei.[4] Tokio fordert zudem eine Reihe kommerzieller und finanzieller Zugeständnisse.[4] Es bleibt offen, ob das britische Kabinett bereit ist, diese Anforderungen zu akzeptieren, oder ob es sich zu einer Politik ohne Bündnispartner gezwungen sieht.[4]

Ungeachtet dieser Entwicklungen verstärkt das japanische Militär seine Präsenz auf dem asiatischen Kontinent erheblich. Militärbeobachter berichten, dass die japanischen Einheiten in der Mandschurei auf volle Stärke gebracht wurden und die Depots in Dalny (Dalian) überfüllt sind.[1] Die Washington Post spricht von einer möglichen Konfrontation der Großmächte, da die Sowjetunion große Mengen Artillerie über die Mongolei nach China schickt.[1] Neben dieser diplomatischen Initiative Moskaus wurde in Peking der bisherige sowjetische Gesandte in Helsingfors (Helsinki), Leonid Tschernych (Leonid Tschernych), als neuer Vertreter eingesetzt. Er ersetzt den abberufenen Lew Karachan (Lew Karachan).[5]

In Zentralchina finden schwere Kämpfe statt, deren Verlauf das Schicksal der Republik maßgeblich beeinflussen wird. Die Truppen der Kantoner Nationalisten unter dem Oberbefehl von Tschiangkaischek (Chiang Kai-shek) melden erhebliche Geländegewinne. Nach Meldungen aus Ostasien haben die Südtruppen Nantschang (Nanchang), die Hauptstadt der Provinz Kiangsi, eingenommen und rücken auf Schanghai vor.[2] Die China Mail berichtet jedoch von einem wechselhaften Verlauf der Kampfhandlungen: Marschall Suntschuanfang (Sun Chuanfang) gibt an, Nantschang zurückerobert und rund 3.000 Whampoa-Kadetten schwer geschlagen zu haben.[6] Die Kadetten seien nach Süden ausgewichen; daraufhin habe Tschiangkaischek persönlich die Führung der Operationen an der neuen Front übernommen und frische Verbände in die Kampfzone geschickt.[6] Gleichzeitig bringen Marschall Suns Alliierte rasch Verstärkungen aus den Provinzen Tschekiang (Zhejiang), Kiangsu (Jiangsu) und Anhui in Stellung.[6]

Das Lager des nördlichen Militaristen Wupeifu (Wu Peifu) löst sich zunehmens auf. Mehrere seiner Unterführer haben sich bereits der Kantoner Regierung angeschlossen.[2] Seine Truppen, die im Zuge der Nordexpedition aus Hupeh vertrieben wurden, ziehen sich weiter zurück. Wupeifu hat sein Hauptquartier geräumt.[6] Die Südarmee hat außerdem die strategisch wichtige Stadt Sinyangchow besetzt und die sogenannten Roten Speere, ehemalige Banditen, in ihre Reihen übernommen.[6]

Eine anschauliche Schilderung des Vormarsches der Nationalisten gibt die Moskauer Prawda. Nach Berichten des Blattes erreichten die Südtruppen nach wochenlangen Märschen aus Kwangtung (Guangdong) über Hunan schließlich Hupeh.[7] Obwohl die Soldaten erschöpft und von der Sonne verbrannt waren, zogen sie mit einem Lächeln in Hankau (Hankou) ein.[7] Sie wurden von Tausenden Arbeitern, Kulis und Kaufleuten mit Beifall begrüßt.[7]

Ein Brennpunkt des Konflikts bleibt weiterhin die Stadt Wutschang (Wuchang). Das Oberkommando der Kanton-Armee plant, die hartnäckig Widerstand leistende Stadt aus der Luft und mit Artillerie zu beschießen.[4] Aus diesem Grunde wurden die ausländischen Schiffe auf dem Jangtsekiang (Jangtse) aufgefordert, ihre Ankerplätze zu räumen.[4] Ein amerikanischer Admiral lehnte es jedoch ab, den Hafen zu verlassen. Die meisten Ausländer haben sich in den Vertragshäfen aus Sorge vor den Kämpfen auf Kriegsschiffe geflüchtet.[4] Die täglichen Luftangriffe der Nationalisten auf Wutschang werden laut China Mail weitergeführt. Die Moral der Belagerten beginnt offenbar nachzulassen.[6]