Der britische Kohlenstreik ist in eine kritische Phase getreten. König Georg unterzeichnete am Mittwoch im Kronrat eine Proklamation, die den Ausnahmezustand für den kommenden Monat Oktober verlängert.[1] Beide Häuser des Parlaments sind für Montag zu einer Sondersitzung einberufen worden, um die unter diesem Notstandsregime vorgesehenen Verordnungen formell zu bestätigen.[1] Das Unterhaus wird am Montagnachmittag zusammentreten und am Dienstag erneut tagen. Das Oberhaus wird die Regelungen voraussichtlich in einer einzigen Sitzung billigen.[1] Diese politische Mobilisierung folgt auf das vorläufige Scheitern der jüngsten Vermittlungsbemühungen zwischen dem Bergarbeiterverband und der britischen Regierung.[1]

Zuvor hatte der Vollzugsausschuss des Bergarbeiterverbandes fast den gesamten Mittwoch über beraten und der Regierung schließlich neue Kompromissvorschläge unterbreitet.[2] Nach Angaben des Berliner Tageblatts erklärten sich die Bergarbeiter bereit, die Arbeit sofort wieder aufzunehmen und einer zehnprozentigen Lohnkürzung zuzustimmen, sofern der Siebenstundentag beibehalten werde.[3] Wie das Hamburger Echo ergänzt, beinhaltete das Angebot die Forderung nach einem unabhängigen Schiedsgericht. Dieses sollte auf Grundlage der Empfehlungen der Kohlenkommission ein nationales Lohnabkommen ausarbeiten.[4] Als Übergangsmaßnahme sollte die Arbeit auf Basis jener Löhne ruhen, die durch das Abkommen von 1921 festgelegt worden waren.[5] Trotz dieser weitreichenden Zugeständnisse der Gewerkschaftsführung — insbesondere der erstmaligen prinzipiellen Bereitschaft zu Lohnsenkungen — gerieten die Gespräche rasch ins Stocken.[4]

Die Grubenbesitzer wiesen die Vorschläge der Arbeiterschaft umgehend zurück. Sie erklärten der Regierung, dass die prekäre Lage der Industrie weder Löhne auf dem Niveau von 1921 noch eine Rückkehr zum Siebenstundentag erlaube.[5] Dem Pariser Figaro zufolge betrachten die Unternehmer die gewerkschaftlichen Offerten nicht als taugliche Basis für eine Beilegung des Konflikts.[6] Sie lehnen ein nationales Abkommen weiterhin strikt ab und verlangen eine Regelung, die der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit jedes einzelnen Distrikts Rechnung trägt.[5] Premierminister Stanley Baldwin, der gestern den Vorsitzenden der Grubenbesitzervereinigung, Williams, empfing, teilt offenbar diese harte Haltung.[7] Aus halbamtlichen Verlautbarungen geht hervor, dass Baldwin erst dann die Möglichkeit einer Beilegung sieht, wenn die Bergarbeiter auch bei der Frage der Arbeitszeit größere Nachgiebigkeit zeigen.[4] Die Bergarbeiterführer verstehen das Verhalten des Premierministers so, dass dieser ihre Verhandlungsbereitschaft als Zeichen der Schwäche interpretiert und versucht, weitere Konzessionen zu erzwingen.[4]

Die festgefahrene Situation droht sich nun zu einer schweren Belastungsprobe für das Kabinett zu entwickeln. Aus dem Temps geht hervor, dass die Regierung bemüht ist, vor der Parlamentssitzung am Montag ein greifbares Ergebnis zu erzielen. Grund dafür ist, dass scharfe Angriffe der Opposition erwartet werden.[1] Die Regierungsgegner dürften versuchen, die Differenzen zwischen Baldwin und Schatzkanzler Winston Churchill für sich zu nutzen.[1] In konservativen Kreisen wird offen kritisiert, Churchill sei in den Verhandlungen während Baldwins Erholungsurlaub in Aix-les-Bains zu weit gegangen und habe den Arbeitern unbedachte prinzipielle Zugeständnisse hinsichtlich eines nationalen Abkommens gemacht.[1]

Gleichzeitig erhebt sich auf dem rechten Flügel der Konservativen eine Bewegung, die den Ausstand zum Anlass für grundlegende gesetzliche Eingriffe nehmen will. Die rechtliche Stellung der Trade-Unions soll auf der kommenden Parteikonferenz in Scarborough beraten werden.[1] Reden von Lordkanzler Cave und Lord Birkenhead deuten darauf hin, dass beabsichtigt ist, die Macht der Gewerkschaften zu beschränken, insbesondere bei der Erhebung von Beiträgen und beim Streikrecht.[1] Die sozialistische Tageszeitung Daily Herald warnt bereits vor einer bürgerlichen Mehrheit für derartige Anti-Gewerkschaftsgesetze und kündigt im Falle ihrer Verabschiedung eine nationale Gegenbewegung der Arbeiterschaft an.[1] Auch innerhalb der Reihen der Bergarbeiter gibt es Unstimmigkeiten. Frank Hodges, Sekretär der Bergarbeiterinternationale, griff die Gewerkschaftsführer Smith und A. J. Cook scharf an und fragte öffentlich, ob die Arbeiter „nichts mehr seien als Schachfiguren, um ein paar sogenannten Führern zu einem Rufe zu verhelfen“.[4]

Der Ausstand, der nun seit fünf Monaten andauert, wird aufmerksam im Ausland verfolgt. Der belgische Bergarbeiterverband hat eine bedingte Solidarität zugesagt; man werde eingreifen, falls auch die Exportländer Amerika, Deutschland und Polen sich der Aktion anschlössen.[6][1] Die Moskauer Prawda veröffentlichte ein Dankschreiben der britischen Führer für die großzügige finanzielle Hilfe der russischen Arbeiter.[7] Währenddessen bröckelt die Streikfront im eigenen Land: In den Gruben des Zentrums und in Lancashire arbeiten bereits wieder über 81.000 Bergarbeiter, und man schätzt die Gesamtzahl der Rückkehrer — ohne das Sicherheitspersonal — auf rund 100.000 Mann.[2] Das britische Kabinett tritt am heutigen Freitag zusammen, um die Lage neu zu bewerten.[2]