Der Beitritt der Vereinigten Staaten zum Ständigen Internationalen Gerichtshof droht sich zu einer langwierigen Hängepartie zu entwickeln. Der amerikanische Senat wird sich aller Voraussicht nach erneut mit der Angelegenheit befassen müssen, nachdem die Genfer Beraterkonferenz Empfehlungen zu den amerikanischen Vorbehalten verabschiedet hat.[1][2]
Dem Hong Kong Telegraph zufolge zielen die Genfer Beschlüsse darauf ab, eine vollständige Gleichstellung der Vereinigten Staaten mit den bisherigen Unterzeichnerstaaten herzustellen. Dieses Vorhaben verkompliziert jedoch das diplomatische Verfahren in einer bisher nicht gekannten Weise.[3] Aus Berichten der Los Angeles Times geht hervor, dass nun die einzelnen Mitgliedsstaaten darüber entscheiden müssen, wie ihre formelle Antwort an die Regierung in Washington aussehen soll.[2] Nach Ansicht amerikanischer Parlamentarier dürfte dieses Vorgehen die Vorlage eines neuen Protokolls im Senat erforderlich machen.[2]
In der amerikanischen Hauptstadt zeigt man auf die Nachrichten aus Europa eine deutliche Zurückhaltung. Die Washington Post meldet, maßgebliche Beamte in Washington hielten eine erneute Senatsdebatte für unvermeidlich, sofern die europäischen Mächte die Genfer Empfehlungen in ihrer gegenwärtigen Form übernehmen sollten.[1] Die politische Stimmung im Kapitol ist derart abgekühlt, dass in informierten Kreisen bereits vermutet wird, Präsident Coolidge könne erwägen, die gesamte Vorlage zurückzuziehen.[1] Senator Moses betonte bereits, dass eine Änderung des umstrittenen fünften Vorbehalts, der zum Schutz amerikanischer Interessen eingefügt worden ist, durch den Senat äußerst unwahrscheinlich erscheint.[1]
Die Differenzen zwischen Washington und den Genfer Völkerbundgremien beschränken sich jedoch nicht auf die Frage des Gerichtshofes, sondern betreffen die gesamte europäisch-amerikanische Diplomatie. Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung meldet, ruft auch ein amerikanischer Vorstoß in der Abrüstungsfrage erhebliche Unruhe hervor.[4] Eine für den Nachmittag angesetzte Sitzung der vorbereitenden Abrüstungskommission des Völkerbundes fand nicht statt, da die Beschlussfassung über den amerikanischen Antrag der Unterkommission erhebliche Schwierigkeiten bereitet.[4]
Diese parallelen Verzögerungen zeigen die strukturellen Hindernisse, die einer störungsfreien Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und den Institutionen des europäischen Staatenbundes im Wege stehen. Die nun zu erwartenden individuellen europäischen Antworten auf die amerikanischen Vorbehalte werden erweisen müssen, ob ein für Washington annehmbarer Kompromiss noch möglich ist.[2]