Die Vollversammlung des Völkerbundes hat in ihrer gestrigen Nachmittagssitzung die Resolution der dritten Kommission zur Abrüstungsfrage einstimmig angenommen.[1] Nach Angaben des Westfälischen Merkurs fordert der Beschluss den Völkerbundrat auf, eine allgemeine Abrüstungskonferenz noch vor der nächsten Völkerbundversammlung einzuberufen und die technische Durchführung rasch auszuarbeiten.[1] Damit tritt das drängendste Problem der internationalen Politik in eine neue Phase. Die vorbereitende Abrüstungskommission hatte zuvor monatelang um tragfähige Formeln gerungen.[2] Dem Pariser Figaro zufolge war es die französische Delegation unter Führung von Paul-Boncour, die den Antrag einbrachte und darauf bestand, die Abrüstung untrennbar an die garantierte Sicherheit der Nationen zu knüpfen.[3]
In der mit Spannung erwarteten Debatte ergriff zunächst der britische Delegierte Lord Robert Cecil das Wort.[2] Er bezog sich direkt auf die Ausführungen Paul-Boncours und bekundete weitreichende Übereinstimmung mit dem französischen Standpunkt.[4] Nach Berichten der Madrider Zeitung El Sol betonte Lord Cecil, dass Abrüstung und Sicherheit zwei untrennbare Fragen seien.[5] Unterschiede hinsichtlich des Kriegspotenzials und der Rüstungskontrolle blieben zwar bestehen, doch schätzte der britische Sprecher diese als nachrangig ein. Man sei sich in 90 Prozent des Programms einig.[3] Die Deutsche Allgemeine Zeitung hebt hervor, dass Cecil die Notwendigkeit der Abrüstung eindringlich begründete: Ein Scheitern der Konferenz wäre das größte Unglück seit der Gründung des Völkerbundes.[4] Er lobte ausdrücklich die Vorarbeiten der militärischen Unterkommission, mahnte jedoch, die neue Bemessung der Rüstungen bleibe im Kern eine zutiefst politische Frage.[4]
Besondere Aufmerksamkeit zog die Erklärung Deutschlands auf sich. Staatssekretär Dr. von Schubert trug sie in französischer Sprache vor.[2][4] Er legte den Standpunkt des Reiches dar, der sich vollständig mit den Friedensinteressen der Genfer Liga deckt.[2] Schubert wies darauf hin, dass Deutschland sich bereits vor seinem formellen Eintritt eifrig an den Arbeiten des vorbereitenden Ausschusses beteiligt habe.[4] Ausdrücklich forderte er, der Unsicherheit, die aus der Ungleichheit der Rüstungen resultiere, ein Ende zu machen.[3] Die Pariser Presse zitiert den Staatssekretär mit der Warnung, man dürfe in einer reinen Stabilisierung der gegenwärtigen Rüstungen keinen echten Fortschritt sehen.[3] Vielmehr müsse die Entwicklung bis zur völligen Beseitigung der Rüstungsungleichheiten führen, damit der Völkerbund seine pazifistischen Aufgaben erfüllen könne.[3] Die Haltung der deutschen Delegation in Genf wurde unterdessen auch vom Reichskabinett in Berlin gebilligt. Es setzte einen speziellen Ministerausschuss zur Weiterführung der Thoiry-Verhandlungen ein.[4]
Die feierliche Abrüstungsdebatte wurde jedoch durch einen diplomatischen Eklat ganz anderer Natur überschattet.[4] Zu Beginn der Sitzung trat der chinesische Delegierte Schu (Chu Zhaoxin) an das Rednerpult.[1] Nachdem er laut der Deutschen Allgemeinen Zeitung zunächst angekündigt hatte, der Bibliothek des Völkerbundes eine umfangreiche chinesische Enzyklopädie zu schenken, wandte er sich unvermittelt einem scharfen Angriff auf Großbritannien zu.[4] Schu verlas eine offizielle Erklärung seiner Regierung. Darin berichtete er über blutige Zwischenfälle auf dem Jangtsekiang.[2] Die Badische Presse meldet, britische Kanonenboote hätten im Sommer chinesische Handelsschiffe gerammt und zerstört.[2] Der Konflikt spitzte sich Anfang September zu, als englische Kreuzer die Stadt Wanhsien mit schwerer Artillerie angriffen.[1] Dabei seien mehr als 1000 Häuser zerstört und Tausende von Zivilisten getötet worden.[1] Schu betonte, er habe den strikten Auftrag, diese als Bedrohung des Friedens im fernen Osten verstandene Entwicklung der Vollversammlung zur Kenntnis zu bringen.[1]
Lord Robert Cecil sah sich dadurch sichtlich in Verlegenheit gebracht und eilte zum Rednerpult, um die britische Position zu verteidigen.[2][1] Er erklärte sein lebhaftes Erstaunen über diesen unangekündigten Vorstoß. Zugleich wies er darauf hin, dass er ohne Instruktionen seiner Regierung nicht im Detail antworten könne.[1][5] Dennoch bestritt er die chinesische Darstellung entschieden und kritisierte, dass ein solches Vorgehen vor der Vollversammlung einer friedlichen Lösung kaum dienlich sei.[2][4] Im weiteren Verlauf der Nachmittagssitzung wandte sich die Versammlung wieder vertraglichen Sicherheitsfragen zu.[6] Der Schweizer Bundesrat Motta und der südslawische Vertreter Markowitsj unterstrichen die große Bedeutung des Locarno-Paktes für die europäische Sicherheit.[6] Der schwedische Delegierte Baron Marks von Würtemberg schloss die Debatte mit dem Hinweis, dass Staaten wie Schweden bereits Schiedsverträge ratifiziert hätten, die in ihrer juristischen Tragweite sogar über Locarno hinausgingen.[6]