Der polnische Staatspräsident hat am Samstag die Gesamtdemission des Kabinetts Bartel angenommen und die bisherige Regierung mit der Weiterführung der Geschäfte betraut.[1] Diese dramatische Zuspitzung der innenpolitischen Lage in Polen ist die direkte Folge einer turbulenten Sitzung des Sejm am Vorabend. Ministerpräsident Bartel hatte bereits in den Wandelgängen des Parlaments erklärt, dass er wegen des angenommenen Misstrauensvotums gegen zwei seiner Ressortchefs mit der gesamten Regierung zurückzutreten beabsichtige.[2]
Dem Berliner Tageblatt zufolge hatte der Sejm zuvor nach einer längeren Debatte das Budget für das vierte Quartal in Höhe von 464 Millionen Złoty im Wortlaut des Regierungsentwurfs ohne Kürzungen angenommen.[3] Der Vorwärts nennt eine Gesamtsumme von 484 Millionen Złoty und berichtet, dass ein Antrag der Rechtsparteien auf Streichung von 34 Millionen Złoty abgewiesen wurde.[2] Für die Kürzung stimmten lediglich die Christdemokraten, die Minderheiten und die Nationale Arbeiterpartei.[2] Auf die Annahme der Regierungsvorlage wirkte offenbar ein in den Nachmittagsstunden aufgekommenes Gerücht stark ein. Demnach habe Marschall Piłsudski seinen Urlaub unterbrochen, um jeden Augenblick in Warschau einzutreffen.[2] Dennoch erlitt die Regierung eine schwere Teilniederlage: Auf einen christlich-nationalen Antrag hin wurde sowohl dem Innenminister als auch dem Unterrichtsminister in namentlicher Abstimmung mit bedeutender Mehrheit das Misstrauen ausgesprochen.[3]
Ausführlich widmet sich der Vorwärts der Haltung der polnischen Sozialisten.[2] Der Abgeordnete Moraczewski kritisierte scharf die Wirtschaftspolitik und bemängelte, dass der Wert der polnischen Valuta um 75 Prozent gefallen sei.[2] Auch der amerikanische Sachverständige Kemmerer habe keine Abhilfe schaffen können. Die Lage der Arbeiterschaft sei infolge der unzureichenden Gehälter katastrophal.[2] Trotzdem stimmten die Sozialisten für die Haushaltsvorlage, da sie sich nicht gegen Piłsudski stellen wollten, der den Umsturz im Mai herbeigeführt hatte.[2] Außerdem wurde ein sozialdemokratischer Antrag auf Einberufung einer Enquetekommission zur Feststellung der Produktionskosten angenommen. Die Forderung nach höheren Beamtengehältern scheiterte jedoch.[2]
Über die weitere Entwicklung der Lage herrscht zurzeit noch Unsicherheit.[1] Wie das Hamburger Echo meldet, rechnet der größte Teil der Piłsudski nahestehenden Presse jedoch damit, dass der Präsident der Republik den scheidenden Ministerpräsidenten Bartel rasch mit der Neubildung der Regierung beauftragen wird.[1] Diese Einschätzung wird, erstaunlicherweise, auch von Teilen der Oppositionspresse geteilt.[1]