Gegen die weitreichenden Verwaltungs- und Justizreformen des Kabinetts Poincaré formiert sich in Frankreich organisierter Widerstand. Am heutigen Vormittag traten in Paris rund 150 Bürgermeister jener Arrondissement-Hauptorte zusammen, die von der Aufhebung der erstinstanzlichen Gerichte und Unterpräfekturen direkt betroffen sind.[1] Die Versammlung, die von dem savoyischen Abgeordneten Falcoz einberufen worden war, fand im Palais d'Orsay statt und verlief äußerst stürmisch.[2][3]
Die anwesenden Kommunalpolitiker, darunter zahlreiche Parlamentarier wie der frühere Minister Édouard Daladier, forderten eine Aussetzung der Regierungsdekrete, bis das Parlament in der Angelegenheit abschließend entscheiden könne.[2][3] Daladier warnte jedoch davor, sogleich den Sturz der Regierung anzustreben.[3] Das Ziel müsse vielmehr sein, durch massiven parlamentarischen Druck eine Verzögerung der Maßnahmen zu erzwingen.[3] Der Abgeordnete Marquigny aus Soissons rügte die Justizreform als willkürlich. Er beklagte die Eile, mit der die Exekutive die Änderungen ohne Anhörung der Kammer durchsetze.[2]
Am Nachmittag entsandte die Versammlung eine Delegation zum Ministerpräsidenten, um eine Protestresolution zu überreichen.[1][3] Wie der Figaro berichtet, weigerte sich Raymond Poincaré jedoch, die Abordnung in ihrer kollektiven Form zu empfangen, da ihr die rechtliche Grundlage fehle; er sei allenfalls bereit, die Bürgermeister als Einzelpersonen anzuhören.[2] Seine Reformen, so ließ der Regierungschef verlauten, seien unaufschiebbar.[1] Müsse man erst die Debatten der Kammer abwarten, kämen die dringend benötigten Einsparungen niemals zustande.[1] Sollte der Ministerpräsident bei seiner Unnachgiebigkeit bleiben, planen die Protestierenden, am 29. September sämtliche Abgeordnete und Senatoren der betroffenen Bezirke nach Paris einzuberufen.[2]
Dem Temps zufolge stößt der Protest der Bürgermeister im Lande keineswegs nur auf Zustimmung.[4] Große Teile der Öffentlichkeit billigen die Bemühungen der Regierung um nationale Ersparnisse und den Abbau der schwerfälligen napoleonischen Verwaltungsstruktur, die im Zeitalter von Automobil und Telefon nicht mehr zeitgemäß ist.[4] Auch innerhalb des Kabinetts herrscht Einigkeit über den Sparkurs. Édouard Herriot bereitet bereits entsprechende Pläne für das Unterrichtswesen vor.[3] Von bürgerlicher Seite betonte der Abgeordnete Edouard Soulier in Grenoble, dass seine Partei die Einschnitte im Parlament trotz der damit verbundenen Härten mittragen werde.[4]
Ein pikantes Detail am Rande betrifft die Provinzpresse: Die Schließung der Bezirksgerichte entzieht zahlreichen lokalen Blättern durch den Wegfall amtlicher Bekanntmachungen die wirtschaftliche Grundlage.[2] Mit Spannung wird nun der kommende Montag erwartet, an dem Poincaré in Bar-le-Duc eine große politische Rede halten und sich der wachsenden Opposition stellen dürfte.[3]