Die historischen Begegnungen zwischen dem deutschen Außenminister Gustav Stresemann und seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand in Thoiry werfen ihre Schatten weit voraus und formen die wirtschaftliche Architektur des Kontinents neu. Wie Le Temps berichtet, hat das Reichskabinett die Haltung der deutschen Delegierten beim Völkerbundrat in der vergangenen Woche vollumfänglich gebilligt.[1] Dies schließt unweigerlich die ausdrückliche Zustimmung zu den grundsätzlichen Unterredungen von Thoiry ein. Offenbar wurden diese im Vorfeld minutiös mit Reichspräsident Paul von Hindenburg und der verantwortlichen Regierung abgestimmt.[1] Zur Fortführung der weitreichenden Verhandlungen wurde in Berlin umgehend eine Spezialkommission ins Leben gerufen. Sie besteht aus den Leitern der unmittelbar beteiligten Ressorts und soll dem Kabinett in Kürze einen umfassenden Bericht erstatten.[1]
Der Kern des Thoiry-Abkommens, das in diplomatischen Kreisen bereits als Wendepunkt gefeiert wird, offenbart sich bei näherer Betrachtung als ein groß angelegtes wirtschaftliches und politisches Tauschgeschäft. Im Mittelpunkt der Debatte — so betont die Kölnische Zeitung — steht die angestrebte und beschleunigte Räumung des Rheinlands, die durch die aktuellen Verhandlungen nun zu einem formellen Handelsgeschäft gemacht wird.[2] Die Grundidee der französisch-deutschen Annäherung besteht darin, die Befreiung des besetzten deutschen Territoriums gegen erhebliche finanzielle Opfer einzutauschen. Diese sollen dazu beitragen, Frankreichs drängende Währungsprobleme zu lindern.[1] Konkret geht es um die Verwertung der deutschen Eisenbahnschuldverschreibungen, die im Rahmen des Dawesplans geschaffen wurden. Mit deren Hilfe beabsichtigt die französische Regierung, den massiv unter Druck geratenen Franc zu stabilisieren.[2] Dieses ehrgeizige finanzielle Manöver birgt jedoch erhebliche Risiken für das Reich: Es könnte nicht nur zu einem empfindlichen Kapitalverlust bei der deutschen Entschädigungsschuld führen, sondern auch die regelmäßigen Jahreszahlungen sowie das Gefüge des Dawes-Abkommens insgesamt beeinträchtigen.[2]
Die französische Publizistik betrachtet diese Entwicklung mit bemerkenswerter Nüchternheit. Aus dem Temps geht unmissverständlich hervor, dass die deutsche Politik der Annäherung keineswegs einer plötzlichen sentimentalen Aufwallung oder moralischen Umkehr entspringt.[1] Vielmehr handelt es sich um einen kalkulierten, realistischen Plan, der darauf abzielt, Deutschland schrittweise von den Fesseln des Versailler Vertrages zu befreien.[1] Nachdem der Widerstand gegen die Vertragserfüllung an der Übermacht der Alliierten gescheitert war, überzeugte Stresemann die deutsche Führung davon, dass der diplomatische Weg über Genf und die Versöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern zielführender sei.[1] Diese Entwicklung begann 1924 mit der Regelung der Reparationen, setzte sich 1925 im Pakt von Locarno fort und findet nun im Völkerbundbeitritt sowie in den vertraulichen Gesprächen von Thoiry ihren vorläufigen Höhepunkt.[1] Das Pariser Blatt mahnt ausdrücklich, sich nicht über die tatsächlichen Beweggründe der neuen deutschen Politik zu täuschen, da man andernfalls herbe Enttäuschungen zu erwarten habe.[1]
Die sich abzeichnende deutsch-französische Wirtschaftskooperation ruft in London erhebliches Unbehagen hervor. Die Kölnische Zeitung zitiert in diesem Zusammenhang die Londoner Times, wonach der deutsche Außenminister sich bemüht habe zu versichern, dass die bilaterale Zusammenarbeit auf dem Eisenmarkt nicht gegen Großbritannien gerichtet sei.[2] In Paris hat man offenbar den Eindruck gewonnen, die Annäherung sei den Engländern unerwünscht — eine Auffassung, die die Times jedoch als irrig und nicht nachvollziehbar abweist, da die englische Diplomatie einen bestimmenden Anteil an den Verhandlungen von Locarno gehabt habe.[2]
Dennoch wächst in internationalen Beobachterkreisen die Sorge vor einer Verschiebung des europäischen Gleichgewichts. Nach Berichten der sowjetischen Prawda wird in Moskau bereits die These vertreten, Deutschland werde durch Thoiry in ein internationales Ränkespiel verwickelt und sei bereit, der französischen Außenpolitik als antibritisches Werkzeug zu dienen.[3] Der britische Daily Telegraph, so berichtet das Moskauer Blatt, sieht sich nun veranlasst, Frankreich nachdrücklich daran zu erinnern, dass eine vorzeitige Räumung der Rheinprovinzen ohne die ausdrückliche Zustimmung Londons als unzulässige Revision des Versailler Vertrages betrachtet werden müsse.[3] Um einem möglichen französisch-deutschen Block entgegenzuwirken, strebt die britische Diplomatie laut der Prawda bereits eine verstärkte Zusammenarbeit mit dem faschistischen Italien unter Mussolini an.[3]
Auch innerhalb Deutschlands ist der Weg zu einer Gesamtlösung von erheblichen Hürden begleitet. Die Kölnische Zeitung weist eindringlich darauf hin, dass das Rheinland im Falle kriegerischer Verwicklungen schutzlos dem Zugriff der Feinde ausgesetzt wäre, solange Frankreich nicht zugleich ein entsprechendes Grenzgebiet entmilitarisiert und seine Festungen von Belfort bis Straßburg aufgibt.[2] Angesichts dieser Asymmetrie formiert sich im Reich starker rechter Widerstand gegen Stresemanns Kurs. Gerade diese innerdeutsche Opposition erweist sich auf dem diplomatischen Parkett jedoch als nützliches Element. Wie ein französisches Blatt anmerkte, dient der Widerstand der deutschen Nationalisten dem Außenminister als wirkungsvolles Instrument. Er kann so bei den Verhandlungen auf seine eingeschränkten innenpolitischen Handlungsmöglichkeiten verweisen und Zugeständnisse erreichen.[2]
Es bleibt abzuwarten, ob die in Genf und Thoiry beschworene europäische Gemeinschaft ausreichend stark ist, um diese Interessengegensätze dauerhaft zu überbrücken. In der französischen Hauptstadt schwankt die Politik gegenwärtig zwischen Annäherung und Zurückhaltung — die Kölnische Zeitung vergleicht das Zögern des Pariser Kabinetts mit der Echternacher Springprozession: Man mache einen Schritt vorwärts und sogleich wieder zwei Schritte zurück.[2] Allerdings bleibt der französischen Regierung auf längere Sicht kaum eine andere Wahl, als den Weg der Verständigung weiterzugehen, da der wirtschaftliche und finanzielle Konsolidierungsbedarf unabweisbar ist.[2] Selbst wenn in Briands Friedensbereitschaft ein idealistischer Klang mitschwingen mag, so besitzt sie doch eine sehr nüchterne, materielle Grundlage, auf die sich auch widerstreitende Kräfte stützen müssen, um einen finanziellen Zusammenbruch abzuwenden.[2]