Drückende Schwüle lastete auf dem Reformationssaal in Genf, als die Völkerbundversammlung am gestrigen Tage zu ihrer Schlusssitzung zusammentrat.[1] Die nüchterne Atmosphäre wurde jedoch durch ein unerwartetes Vorgehen des chinesischen Delegierten Chu Chao-hsin (Zhu Zhaoxin) aufgewühlt.[2][1] Wie die Washington Post meldet, rechtfertigte Chu in einer scharfen Erklärung seinen Schritt, die britische Beschießung von Wanhsien ohne Vorwarnung vor das Plenum gebracht zu haben.[3] Er betonte, dass er sich für diese Handlung bei niemandem entschuldigen werde.[4][3]

Nach Angaben der Los Angeles Times warnte der Diplomat eindringlich, dass der Handel für Ausländer in Ostasien bald mit großen Gefahren verbunden sein werde, falls die Mächte nicht umgehend neue Verträge auf der Basis von Gegenseitigkeit und Gleichberechtigung abschließen.[4] „Wenn andere den Krieg mit uns wollen, sollen sie ihn beginnen“, erklärte Chu und fügte hinzu, China sei es leid, als minderwertige Nation behandelt zu werden.[4] Ein besonderer Appell richtete sich dabei an die Vereinigten Staaten. Chu hob hervor — eingedenk seiner eigenen akademischen Ausbildung in Übersee —, dass er amerikanische Ideale hochschätze.[3] Es sei ihm unverständlich, warum die amerikanische Regierung weiterhin den anderen Mächten folge und außergewöhnliche politische sowie wirtschaftliche Privilegien in China beanspruche.[4][3] Dies stelle eine eklatante Verletzung der chinesischen Souveränität dar.[3] Er hoffe vielmehr, dass Washington die Führung bei der Aushandlung eines neuen Vertragswerkes übernehmen werde.[4]

Dem Moskauer Organ Prawda zufolge reagierte die bürgerliche Presse Großbritanniens „unangenehm überrascht“ auf den plötzlichen Vorstoß des chinesischen Vertreters.[2] Der britische Delegierte Lord Cecil hatte bereits zuvor scharfen Protest gegen die Einbringung des Vorfalls eingelegt.[4] Präsident Nintschitsch (Momčilo Ninčić) richtete zu Beginn der Sitzung eine verhüllte Kritik an Chu, indem er die Versammlung an die strikte Geschäftsordnung erinnerte. Diese Vorschrift schreibt die vorherige Anmeldung neuer Verhandlungsgegenstände zwingend vor.[3]

Der Hintergrund des diplomatischen Eklats wird durch ein Memorandum der europäischen Kuomintang-Delegation erhellt.[3] In dem Dokument wird gewarnt, die britische Beschießung sei entweder ein Vorbote neuer Massaker, ähnlich jenen in Shanghai und Schameen (Shamian) im Jahre 1925, oder diene dem Zweck, die chinesische Nationalregierung an der Befreiung des Landes zu hindern.[3] Unterdessen hat die Kantoner Regierung, einem weiteren Bericht der Washington Post zufolge, die Streikposten vor den Eingängen zum ausländischen Viertel Schameen zurückgezogen, sodass der freie Zugang wiederhergestellt ist.[3] Chu machte deutlich, dass Chinas Preis für eine Beilegung des Wanhsien-Zwischenfalls keine Entschädigungszahlung sei.[4] Man fordere einen neuen Vertrag, der die Exterritorialität und den ausländischen Würgegriff um die chinesischen Zolltarife endgültig beende.[4] Zur Deckung ihres Finanzbedarfs plane die Verwaltung in Kanton bereits eine autonome Abgabe von 2,5 Prozent auf reguläre Importe.[4]