Die politische Krise in Polen hat in der Nacht zum Sonnabend ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Wie die Prawda meldet, nahm Staatspräsident Moscicki (Ignacy Mościcki) um halb zwei Uhr morgens die Demission des gesamten Kabinetts entgegen.[1] Vorausgegangen war ein dramatischer Tag im Sejm. Die Fraktion der Christlichen Demokraten hatte überraschend ein Misstrauensvotum gegen zwei profilierte Regierungsmitglieder eingebracht: Bildungsminister Sujkowski (Antoni Sujkowski) und Innenminister Mlodzianowski (Kazimierz Młodzianowski).[1] Der Antrag fand nach hitzigen Debatten eine unerwartet breite Mehrheit. Gegen Sujkowski stimmten 176 Abgeordnete bei 82 Gegenstimmen, während Mlodzianowski mit 159 gegen 82 Stimmen gestürzt wurde.[1] Diese empfindliche Abstimmungsniederlage kam durch eine einmalige Allianz im Parlament zustande. Alle Rechtsparteien, Teile des Zentrums, die nationalen Minderheiten und die äußerste Linke stimmten geschlossen gegen die Minister der amtierenden Regierung.[1]

Die Reaktion der Exekutive folgte umgehend. Unmittelbar nach Bekanntgabe des Ergebnisses der namentlichen Abstimmung rief Premierminister Bartel (Kazimierz Bartel) den Ministerrat eilig zusammen.[1] Sämtliche Regierungsmitglieder verließen daraufhin demonstrativ den Sitzungssaal des Parlaments.[1] Die ohnehin angespannte Atmosphäre wurde weiter verschärft, als Finanzminister Klarner (Czesław Klarner) in der Debatte über das Budget für das vierte Quartal des laufenden Jahres jegliche Kompromissbereitschaft ausdrücklich ablehnte.[1] Klarner erklärte im Namen der Regierung, man werde bei der Haushaltsvorlage keine Zugeständnisse machen und notfalls zurücktreten, falls der Entwurf nicht in der amtlichen Fassung verabschiedet werde.[1] Das Parlament behandelte anschließend wie vorgesehen die weiteren Tagesordnungspunkte und ratifizierte in einer letzten Amtshandlung des Tages den polnisch-rumänischen Nichtangriffspakt.[1]

Die politische Führung in Warschau plant nun offenbar einen unmittelbaren Gegenschlag. In politischen Kreisen wird erwartet, dass die Krise innerhalb weniger Tage durch eine bloße Umbildung des Kabinetts beigelegt wird, anstatt den Weg zu vorzeitigen Neuwahlen freizugeben.[1] Marschall Pilsudski (Józef Piłsudski) hat beschlossen, den Kampf gegen die feindlichen Rechtsparteien unter keinen Umständen aufzugeben.[2] Trotz der nachdrücklichen Forderungen der parlamentarischen Opposition beabsichtigt der Marschall, nun verstärkt ausgesprochene Kampfkandidaten in die neue Regierung aufzunehmen.[2] Eine Ministerliste wurde bereits am Sonntagabend in einer vertraulichen Unterredung zwischen Pilsudski und dem scheidenden Premierminister Bartel ausgearbeitet.[2] Der Staatspräsident ist vom Marschall über das Ergebnis dieser Unterredung umfassend informiert worden.[2] Er wird Bartel am Montagmorgen offiziell mit der erneuten Regierungsbildung beauftragen.[2]

Über die personelle Zusammensetzung kursieren bereits erste, brisante Namen. Nach Informationen der Badischen Presse soll Tugutt (Stanisław Thugutt) das Amt des neuen Innenministers übernehmen.[2] Besonders provokant erscheint jedoch die geplante Besetzung des Unterrichtsministeriums. Dieser Posten soll ausgerechnet dem soeben abgewählten Innenminister Mlodzianowski übertragen werden — dies gilt als offene Herausforderung an die Mehrheit des Sejm.[2]

Die regierungstreue Presse begleitet dieses entschiedene Vorgehen zugleich mit scharfen Drohungen und fordert direkt die Auflösung des Parlaments.[1] Der Nowy Kurjer Polski schreibt, der Sejm habe sich geirrt, als er angenommen habe, die Regierung werde ihm zwei ihrer Mitglieder opfern.[1] Noch deutlicher äußert sich das offizielle Organ des Kriegsministeriums, die Polska Zbrojna, welche ein sofortiges Ende der „Komödie der Wiejska-Straße" verlangt — ein klarer Hinweis auf den Sitz der Volksvertretung.[1] Das Blatt Rzeczpospolita hingegen bemerkt, dass diese Drohungen die Mehrheit der Abgeordneten nicht einschüchtern werde, da diese am Vorabend eine schwere Prüfung bestanden hätten.[1] Unterdessen zeigte sich Premierminister Bartel gegenüber Journalisten unnachgiebig. Er betonte, die unklare Situation habe sich nun etwas aufgehellt, warnte jedoch: „Niemand kann Polen ungestraft zum Nachteil des Staates regieren."[1]