Die jüngsten Reden des französischen Ministerpräsidenten Raymond Poincaré, gehalten am Sonntag vor den französischen Kriegsverletzten in St. Germain und am Montag zur Eröffnung der Session des Generalrates im Departement Meuse in Bar-le-Duc, haben in der internationalen Öffentlichkeit erhebliche Beachtung gefunden.[1][2] Wie erwartet, hat der Mann des Ruhreinbruchs sich nicht über Nacht in einen bedingungslosen Apostel der Völkerverständigung verwandelt.[1] Zwar beteuerte Poincaré, niemals eine Politik der Rachsucht oder des Hasses gegen den einstigen Gegner verfolgt zu haben, und zeigte sich zu weiteren Versuchen einer Annäherung bereit.[1][3] Diese Bereitschaft knüpfte er jedoch an harte Bedingungen: Jeder Ausgleich müsse mit den bestehenden Verträgen im Einklang stehen, die Verantwortung der kaiserlichen deutschen Regierung am Ausbruch des Weltkrieges müsse außer Zweifel bleiben und durch schlüssige Beweise einer sowohl materiellen als auch moralischen Abrüstung Deutschlands gerechtfertigt werden.[1][3]

Vor den Generalräten in Bar-le-Duc unterstrich der Ministerpräsident, Frankreich schulde es dem durch den vierjährigen Krieg zerrütteten Europa, alles zu tun, um der Menschheit eine bessere Zukunft zu sichern.[1][2] Zugleich betonte er, dass man sich nicht wundern dürfe, wenn die Republik angesichts einer ungewissen Zukunft weder ihre vertraglichen Rechte opfern noch ihre Wachsamkeit einschränken wolle.[1] Den Bestrebungen von Locarno und Thoiry, die Außenminister Aristide Briand und sein deutscher Amtskollege Dr. Gustav Stresemann maßgeblich vorantreiben, begegnet Poincaré somit weiterhin mit tiefem Misstrauen. Nach Angaben der Badischen Presse existiert der Sicherheitspakt für ihn faktisch nicht.[3] Stattdessen erhob er alte Anklagen: Die Verzögerungen in den deutschen Reparationszahlungen hätten den französischen Staatsschatz schwer belastet.[3]

Besonderes Befremden löst in politischen Kreisen die Forderung nach einem vorherigen Beweis der „moralischen Abrüstung" aus.[3] Während sich die materielle Entwaffnung überprüfen lässt, gilt die moralische als nahezu unerfüllbare Bedingung.[3] Es genüge schon, so wird befürchtet, dass die interalliierte Kontrollkommission jederzeit auf einen angeblich auf Revanche bedachten deutschen Verein oder auf einen Zeitungsartikel hinweisen könne, um den Vorwurf mangelnder Gesinnung zu erheben.[3] In Pariser Kreisen wird ernsthaft gemutmaßt, diese Bedingung sei lediglich formuliert worden, um die Politik Briands zu behindern.[3]

Die Reaktionen der französischen Presse fallen bemerkenswert gemischt aus. Das sozialistische Blatt L'Oeuvre begrüßt die Rede und meint, sie werde diejenigen enttäuschen, die einen Gegensatz zwischen Briand und Poincaré konstruieren wollten.[2] Der Figaro lobt den Ministerpräsidenten dafür, dass er bei der Erwähnung der Kriegsschuldfrage „europäisch gesprochen“ habe.[4] Dagegen bedauert der Gaulois, dass Poincaré dem konstruktiven Teil der Außenpolitik zu wenig Beachtung geschenkt habe; die Stunde sei vorüber, in der sich die Nation hinter juristischen Texten verbergen könne.[4] Scharfe Kritik äußert die Volonté, die in den Ausführungen eine verkappte Zurückweisung Briands erkennt.[4] Man spüre, dass sich Poincaré seit der Ruhrbesetzung nicht verändert habe; seine Sprache erscheine geeignet, wahre Friedensfreunde zu beunruhigen.[4] Auch der Quotidien mahnte den Regierungschef nach dessen erster Ansprache verständlich mit den Worten: „Nun aber Schluss!“[1]

In der deutschen Hauptstadt verzeichnet man die Wortmeldungen aus Bar-le-Duc mit einer Mischung aus Abwehr und gelassener Zurückhaltung. Die Deutsche Allgemeine Zeitung stellt fest, die Kriegsreden Poincarés erklängen nun in einer veränderten Atmosphäre, der auch er notgedrungen Rechnung tragen müsse.[4] Die Kreuzzeitung urteilt scharf, ein Ausgleich sei nur möglich, wenn sich der französische Verständigungswille in der Praxis ganz anders äußere als in diesen Ausführungen.[4] Das Blatt fügt hinzu, die Kriegsschuldfrage betreffe die Ehre aller Deutschen und wirft Poincaré eine Hauptverantwortung am Weltkrieg vor.[2][5] Ähnlich äußert sich die Tageszeitung, die im Redner den alten Heuchler und Unruhestifter am Werke sieht, während die Börsen-Zeitung die Kriegsschuld als anhaltendes Hindernis der Aussöhnung betrachtet.[2][5] Das Berliner Tageblatt weigert sich hingegen, die Ausführungen allzu ernst zu nehmen.[2][5] Man wünsche Poincaré aufrichtig Erfolg bei der Sanierung der Finanzen, doch solle die Friedensatmosphäre nicht durch schädliche Nachwirkungen vergangener Kriegsrivalitäten beeinträchtigt werden.[4] Der Vorwärts schließlich atmet auf, dass der Ministerpräsident in beiden Ansprachen immerhin nichts endgültig zerstört habe, und mahnt Reichsaußenminister Stresemann dringend, auf dieses Rededuell nicht einzugehen.[1] Zum Glück, so die Zeitung, habe Deutschland bei den Verhandlungen nicht mit dem für seine kühle Unnachgiebigkeit bekannten Poincaré, sondern mit Briand zu tun.[1][4]

Dr. Stresemann selbst hatte sich unterdessen in einem Interview mit dem Matin zuversichtlich über einen künftigen Vertragsabschluss geäußert.[2] Er warnte jedoch vor bloßen Finanzgeschäften und betonte, beide Länder müssten Opfer an vertraglichen Rechten und Privilegien bringen.[2] Eine zentrale Rolle spielen dabei die sogenannten Dawes-Eisenbahnobligationen. Nach Einschätzung englischer und amerikanischer Sachverständiger könnten die internationalen Geldmärkte derzeit höchstens 60 Millionen Pfund aufnehmen.[4] Nach Abzügen für das Saargebiet und Eupen-Malmedy blieben Frankreich lediglich 16 Millionen Pfund als Kompensation für eine mögliche vorzeitige Räumung des Rheinlands — eine Summe, die von den Experten angesichts der Pariser Erwartungen als ungenügend betrachtet wird.[4]

Auch jenseits des Atlantiks sorgt die Rede für Aufmerksamkeit. Der New York Herald und die World betonen die Schwierigkeit der Kriegsschuldfrage. Letztere bemerkt, Stresemann habe das Thema wahrscheinlich nur aufgegriffen, um die rechten Parteien im Deutschen Reich zu besänftigen.[4] Die New York Times lobt Stresemanns taktisches Geschick, da er in Locarno auf Elsass-Lothringen verzichtet und eine Grenzrevision durch Gewalt abgelehnt habe.[4]