Das besetzte Gebiet am Rhein wird erneut von einem folgenschweren Gewaltakt erschüttert. In der Nacht zum Montag kam es in Germersheim zu einem tödlichen Zwischenfall, bei dem Angehörige der französischen Besatzungsarmee von ihren Schusswaffen rücksichtslos Gebrauch machten. Wie die Badische Presse berichtet, wurde der Arbeiter Emil Müller durch einen Schuss aus nächster Nähe niedergestreckt und war sofort tot.[1] Der Landwirt Mathes erlitt einen Schuss in den Kopf und befindet sich in Lebensgefahr.[1] Ein dritter unbewaffneter Bürger, Holzmann, wurde schwer verletzt.[2]
Der genaue Tathergang lässt nach den bisherigen Ermittlungen der deutschen Behörden auf ein unfassbares Maß an Willkür schließen. Laut der Deutschen Allgemeinen Zeitung befand sich der Täter, ein französischer Unterleutnant der Artillerie namens Rouzier, an jenem Abend offenkundig in einem Zustand außerordentlicher Erregung.[3] Er trug Zivilkleidung und bedrohte zunächst friedliche Passanten. Ohne erkennbare Veranlassung misshandelte Rouzier einen Schuhmacher und einen jungen Mann namens Klein mit einer Reitpeitsche.[3] Als die Bürger Mathes und Müller dem Offizier folgten, um dessen Personalien zur Anzeige zu bringen, eröffnete dieser in der Nähe des Ludwigstores plötzlich das Feuer.[3] Dem Harburger Tageblatt zufolge traf eine Kugel den Arbeiter Müller direkt ins Herz.[2]
Die Empörung der Germersheimer Bevölkerung wird durch die Tatsache verstärkt, dass die Täter keine Unbekannten sind. Die amtliche deutsche Untersuchung stellte einwandfrei fest, dass Leutnant Rouzier sowie der ebenfalls anwesende Leutnant Filloux vom 171. Infanterieregiment bereits bei den schweren Ausschreitungen während des Kriegervereinsfestes am 3. und 4. Juli dieses Jahres als Rädelsführer hervorgetreten waren.[3] Beide beteiligten sich damals an der Beschimpfung der deutschen Reichsflagge und der bayerischen Hoheitszeichen.[3] Die Badische Presse erinnert daran, dass diese Vorfälle von französischer Seite bis heute ungesühnt geblieben sind.[1]
Unmittelbar nach der Bluttat versuchten die französischen Militärbehörden, die Aufklärung des Verbrechens an sich zu ziehen. Der Stadtkommandant von Germersheim erließ ein Verbot, die Leiche des erschossenen Müller durch deutsche Ärzte obduzieren zu lassen.[1] Die französischen Stellen beriefen sich hierbei auf die sogenannte Ordonnanz über die Sicherheit der Besatzungstruppen, um die Untersuchung ausschließlich der französischen Gerichtsbarkeit vorzubehalten.[1] Auf deutscher Seite nahm unterdessen Oberstaatsanwalt König aus Zweibrücken die Ermittlungen auf.[2] Wie das Harburger Tageblatt ergänzt, vernahmen französische Offiziere den schwer verwundeten Holzmann bereits im Krankenhaus.[2]
Der Ernst der Lage beschäftigte auch höchste diplomatische Kreise. Auf Veranlassung der Reichsregierung sprach Ministerialdirektor Graf Adelmann, der Vertreter des Reichskommissars für die besetzten Gebiete, heute Mittag bei der Interalliierten Rheinlandkommission in Koblenz vor.[1][4] Er erhob schärfsten Protest gegen den Vorfall.[4] Die Rheinlandkommission teilte daraufhin mit, dass die Besatzungsbehörden eine Untersuchung eingeleitet hätten.[4] Für den Fall, dass eine Schuld zweifelsfrei festgestellt werde, stellte die Kommission Entschädigungen für die Hinterbliebenen und Verletzten in Aussicht.[4]
Die offizielle französische Darstellung weicht jedoch erheblich von den Ermittlungsergebnissen der bayerischen Staatsanwaltschaft ab. Aus der Sächsischen Staatszeitung geht hervor, dass die Pariser Nachrichtenagentur Havas die Schuld den Opfern zuschreibt.[4] Havas meldet, französische Soldaten seien am Sonntag mehrfach von Deutschen provoziert worden.[4] Gegen ein Uhr nachts hätten sechs Deutsche den Offizier am Stadttor angegriffen.[4] Dieser habe sich lediglich in Notwehr befunden. Nach einem Schreckschuss habe er einen Angreifer verwundet und bei einem erneuten Angriff einen Mann getötet.[4] Das deutsche Nachrichtenbüro W.T.B. wies diese Darstellung umgehend als Versuch zurück, die Verantwortung auf die unbewaffneten deutschen Opfer abzuwälzen.[4]
Wegen der angespannten Lage ergriff die französische Kommandantur schließlich disziplinarische Maßnahmen. Nach Angaben der Deutschen Allgemeinen Zeitung wurde Rouzier am Dienstagabend in Schutzhaft genommen und in das nahegelegene Landau abtransportiert.[3] Ein für diese Woche geplanter Ball der französischen Truppen wurde nach bayerischem Einspruch abgesagt.[3] Außerdem verhängte die Kommandantur über die gesamte Garnison von Germersheim eine Ausgangssperre ab neun Uhr abends.[3] Die Beerdigung des erschossenen Müller, die unter großer Anteilnahme der Arbeiterschaft stattfinden sollte, wurde auf Anordnung der französischen Stellen verschoben, um weiteren Unruhen vorzubeugen.[3]
In der deutschen Tagespresse hat der Mordfall eine heftige Debatte über den Sinn und die Folgen der militärischen Rheinlandbesetzung ausgelöst. Der Vorwärts betont, dass der Vorfall den reaktionären und nationalistischen Kreisen neuen Vorwand zur Volksverhetzung liefere.[5] Selbst friedfertige Bürger könnten sich der Verschärfung der Lage, die durch die fortgesetzte Fremdherrschaft entstehe, kaum mehr entziehen.[5] Dem Hamburger Echo zufolge tritt die juristische Schuldfrage hinter die politische Notwendigkeit zurück, das linksrheinische Gebiet zügig zu räumen.[6] Das arbeitende Volk habe immer wieder die Opfer dieses alten Zwistes zu tragen, weshalb nur ein beschleunigter Ausgleich und das Ende der Besetzung den Frieden sichern könnten.[6]
Die politischen Folgen des Mordes von Germersheim dürften das Parlament in Berlin in den kommenden Wochen beschäftigen. Wie die Sächsische Staatszeitung aus Berliner Kreisen erfahren hat, beabsichtigen deutschnationale und kommunistische Abgeordnete, den Vorfall in der nächsten Sitzung des Auswärtigen Ausschusses am 7. Oktober auf die Tagesordnung zu setzen.[4] Derweil sollen, nach neuesten Berichten, jene französischen Einheiten, aus denen sich die Unruhestifter rekrutierten, rasch aus Germersheim abgezogen werden. Der Abtransport des 8. Artillerieregiments stehe offenbar bevor.[3]