Am kommenden Montagabend vollzieht sich am Bosporus ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel, wenn das neue, von der türkischen Nationalversammlung verabschiedete Zivilgesetzbuch in Kraft tritt.[1] Wie die amerikanische Washington Post aus Konstantinopel meldet, orientiert sich das Regelwerk eng an seinem Schweizer Vorbild und löst das traditionelle islamische Recht ab, das das familiäre Leben im Reich des Halbmondes über Jahrhunderte bestimmte.[1] Die Zeit der sogenannten ‚Vielweiberei‘ und der mühelosen Scheidung, die bislang dem Ehemann vorbehalten war, ist damit endgültig vorüber.[1]
Die weitreichendste Neuerung betrifft die rechtliche Stellung der Frau in der Ehe. Ehescheidungen werden künftig ausschließlich Gegenstand einer gerichtlichen Entscheidung sein, wobei Ehemann und Ehefrau vor dem Gesetz absolut gleiche Rechte genießen.[1] Bigamie wird fortan als schwerer Straftatbestand gewertet und kann mit bis zu fünf Jahren Gefängnis geahndet werden.[1] Dem Korrespondenten der Washington Post zufolge endet das historische Vorrecht des Mannes, seine Ehefrau ohne Angabe von Gründen kurzerhand zu verstoßen, präzise in der Nacht zum Dienstag um ein Uhr morgens.[1] Nach Inkrafttreten der neuen Bestimmungen sind Ehefrauen nach dem Gesetz vor willkürlicher Verstoßung geschützt.[1]
Dieser Bruch mit den orientalischen Traditionen ruft in konservativen Kreisen allerdings nicht nur Zustimmung hervor. Aus der alten Metropole Stambul wird von erheblichem Unmut berichtet. Mit dem neuen Kodex hält auch das westliche Prinzip zwingender Unterhaltszahlungen Einzug in den Osten.[1] Der türkische Staat setzt damit eine Modernisierung nach europäischem Muster durch, die den Alltag der Bevölkerung grundlegend verändern dürfte.[1]