Die festliche Eröffnung des neuen akademischen Jahres in Spanien gibt in den intellektuellen Kreisen des Landes Anlass zu ernster Selbstbesinnung und scharfer Kritik am bestehenden Bildungssystem.[1] Wie die Madrider Tageszeitung El Sol berichtet, steht die spanische Hochschule vor einer existenziellen Krise, die weit über bloße Strukturfragen hinausgeht.[1] Von besonderer Bedeutung sind die jüngst veröffentlichten Schriften des Pädagogen Francisco Giner, die eine ungeschminkte Diagnose der akademischen Misere liefern.[1]

Laut dem Sol betrachtete Giner die spanische Universität nicht mehr als lebendige soziale Körperschaft von Professoren und Studenten, sondern lediglich als ein erstarrtes staatliches Büro.[1] Diese Auffassung wird nun durch eine aktuelle Vorlesung des bekannten Gelehrten Miguel_de_Unamuno" target="_blank" rel="noopener">Miguel de Unamuno gestützt.[1] Beide Denker kommen zu dem schmerzlichen Schluss, dass es in Spanien an einem wahrhaften universitären Leben fehle.[1] Die ehemals hochgelobte Autonomie der Universitäten, so heißt es weiter, habe sich in der Praxis als reine Fiktion erwiesen.[1]

Anstatt grundlegender Reformen begnüge sich die Administration mit einer Überfülle an akademischen Festtagen, die eher von Paukenschlag und Klarinette als von wissenschaftlichem Ernst geprägt seien.[1] Aus den Publikationen des Sol geht hervor, dass die bürokratischen Apparate jede gute Absicht ersticken. Daher begreifen viele Dozenten ihre Lehrtätigkeit lediglich als bequeme soziale Position und nicht als geistigen Auftrag.[1] Es ist bezeichnend, dass die fortschrittlichsten wissenschaftlichen Arbeiten Spaniens derzeit außerhalb der offiziellen Universitätshallen stattfinden, allen voran in den modernen Institutionen der Kommission zur Erweiterung der Studien.[1]

Nichtsdestoweniger bleibt bei den Kritikern ein Funken Hoffnung erhalten. In Anlehnung an die glorreiche Vergangenheit der Hochschulen von Salamanca und Alcalá wird die Erwartung geäußert, dass die intellektuelle Elite des Landes die Kraft finden werde, das alte System von innen heraus zu erneuern.[1]