Die endgültige Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund markiert einen historischen Einschnitt, doch die Begleitumstände der Genfer Tage bieten weiterhin Anlass zu lebhaften Erörterungen.[1] Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung in einer ausführlichen Betrachtung feststellt, hat die personelle Zusammensetzung der deutschen Delegation, die den Beitritt vollziehen sollte, im In- und Ausland zeitweise erhebliche Kritik erfahren.[1] Beanstandet wurde von ausländischen Beobachtern insbesondere, dass die drei Hauptdelegierten ausschließlich repräsentative Persönlichkeiten des Auswärtigen Amtes seien.[1] Im Inland wiederum führten mitgereiste Parlamentarier vereinzelt Klage darüber, dass sie infolge des „Zeremoniells des Auswärtigen Amtes“ schlechter gestellt worden seien als die Vertreter anderer Staaten.[1]

Ein Blick auf die Delegationen der übrigen Mächte verdeutlicht die unterschiedlichen diplomatischen Gepflogenheiten.[1] Jedes Land wird in der Völkerbundversammlung durch drei Hauptdelegierte vertreten, denen sich ein großer Stab an Mitarbeitern anschließt.[1] Neben den Franzosen, die unter der Führung von Aristide Briand mit über dreißig Mitgliedern — darunter Joseph Paul-Boncour, Louis Loucheur, Henry de Jouvenel sowie zahlreiche Abgeordnete und Senatoren — die zahlreichste Vertretung nach Genf entsandten, fiel vor allem die polnische Delegation durch ihre Vielköpfigkeit auf.[1] Polen brachte es fertig, mehr Delegierte an den Genfer See zu entsenden als die Großmacht Deutschland, darunter über ein halbes Dutzend Adlige.[1] Selbst Italien entsandte vier Abgeordnete und drei Senatoren.[1] Großbritannien verfuhr in ähnlicher Weise wie die deutsche Regierung: Neben dem Außenminister Austen Chamberlain fungierten auch Lord Robert Cecil und der Kronjurist Cecil Hurst als Hauptdelegierte.[1]

Aus diesen Unterschieden einen Vorwurf gegen die Berliner Regierung zu konstruieren, greift jedoch zu kurz.[1] Es stellt sich die unausweichliche Frage, wo in Deutschland jene Parlamentarier von internationalem Ruf zu finden sind, die das Reich an erster Stelle erfolgreich hätten vertreten können.[1] Für die schwierigen Verhandlungen in der Kommission über die Völkerbundratreform oder bei dem Wiederauftauchen der Frage des Artikels 16 der Völkerbundsatzung bedurfte es ausgewiesener, diplomatisch gewandter Fachleute, um dem Reich peinliche Situationen zu ersparen.[1] So war es laut dem Berliner Blatt unumgänglich, dass neben dem Außenminister seine beiden wichtigsten Mitarbeiter nominiert wurden.[1] Staatssekretär Carl von Schubert bewährte sich durch seine betonte Zurückhaltung als Diplomat der alten Schule. Ministerialdirektor Friedrich Gaus erwarb sich in Locarno und Genf einen bedeutenden internationalen Ruf als Jurist und Politiker. Dafür stellte der niederländische Delegierte Joseph Limburg ihm ein überaus schmeichelhaftes Zeugnis aus.[1]

Die mitgereisten deutschen Abgeordneten absolvierten derweil ihre ersten Gehversuche auf dem internationalen Parkett.[1] Zwar wurden diese Bemühungen von leitender Stelle lobend erwähnt, und manche durch Sprachgewandtheit geschaffene persönliche Beziehung erwies sich als nützlich, doch fehlte es mitunter an Routine.[1] Die bürgerlichen Parteien werden aufgefordert, Persönlichkeiten heranzubilden, die sich mit der internationalen Politik anders vertraut machen als im Stile von Versammlungsreden bei lokalen Festanlässen.[1] Dass eine Persönlichkeit wie Professor Otto Hoetzsch bei dieser Zusammenkunft nicht als Delegierter weilte, rief in politischen Kreisen außerdem Bedauern hervor.[1]

Der politische Erfolg bleibt indes unbestritten, und die internationale Anerkennung für den deutschen Schritt zeigt sich deutlich.[1][2] Dem Westfälischen Merkur zufolge richtete der frühere britische Premierminister Ramsay Macdonald ein Glückwunschtelegramm an die deutsche Delegation.[2] Gustav Stresemann antwortete daraufhin, er blicke mit großer Befriedigung auf die Genfer Tage zurück und werde den großen Anteil, den der britische Politiker an dieser Entwicklung gehabt habe, keinesfalls vergessen.[2]