Unter gewaltiger Anteilnahme der Bürgerschaft der Stadt Germersheim sowie der weiten Umgebung wurde der bei den jüngsten blutigen Vorgängen erschossene Zivilist Emil Müller beigesetzt.[1] Die Leiche des Opfers war im Hofe des städtischen Krankenhauses in einem schlichten Sarg aufgebahrt worden. Dort nahm die pfälzische Bevölkerung in einem unaufhörlichen Strom Abschied.[1] Am Grabe sprach unter anderem der Erste Bürgermeister, was die hohe politische Bedeutung des Vorfalls unterstreicht.[1] Der tödliche Schuss des französischen Unterleutnants Rouzier hat in der gesamten besetzten Zone und weit darüber hinaus tiefe Bestürzung ausgelöst und belastet das deutsch-französische Verhältnis zu einem überaus kritischen Zeitpunkt.
Die ohnehin angespannte Lage hat sich durch das Vorgehen der französischen Militärjustiz weiter verschärft. Der Schuhmacher Holzmann, der in der Tatnacht durch einen weiteren Schuss von Rouzier schwer verwundet wurde, ist nach einem Verhör vor der französischen Staatsanwaltschaft in Landau verhaftet worden.[2][3] Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung berichtet, wurde Holzmann auf Anordnung der Besatzungsbehörden nach Landau transportiert. Dies geschah, obwohl seine Wunden noch nicht verheilt sind und gestern noch akute Gefahr einer Erkrankung an Gesichtsrose bestand.[2] Begleitet wurde der Verletzte von seinem Vater sowie den drei jungen Männern Schardt, Beißmann und Fechter, die Zeugen des Vorfalls waren.[2] Die drei Begleiter wurden nach Beendigung des Verhörs am späten Nachmittag entlassen; sie hatten ihre früheren Aussagen vor den deutschen Behörden vollumfänglich bestätigt.[2] Holzmann hingegen wurde zurückbehalten.[2] Ein Dolmetscher, der aus dem Verhörzimmer trat, teilte dem entsetzten Vater mit, der Staatsanwalt werde seinen Sohn einige Tage festhalten, "bis er die Wahrheit sagt".[2] Auf die Frage des Vaters, mit welchem Recht dies geschehe, erwiderte der Dolmetscher brüsk, der Sohn werde angeklagt, weil er den Unterleutnant geschlagen habe.[2]
In der deutschen Öffentlichkeit stoßen diese Verhörmethoden auf scharfe Kritik. Es wird vielfach vermutet, die französische Seite wolle einen zentralen Zeugen, der zugleich Opfer der Tatnacht wurde, für den bevorstehenden Prozess ausschalten.[2] Bemerkungen, man wolle einen Verletzten zu einem Geständnis bringen, rufen Erinnerungen an Zeiten wach, in denen Folter angewandt wurde.[2] Dem Vorwärts zufolge zeigt dieses Vorgehen ausgeprägten Militarismus.[4] Solche Methoden seien der deutschen Bevölkerung noch aus ähnlichen Fällen der alten preußischen Zeit vertraut.[4] Es sei keineswegs erwiesen, dass der französische Offizier wirklich in Notwehr gehandelt habe, zumal er unverletzt geblieben sei, während es unter den Deutschen Tote und Verwundete gebe.[4] Es fehle jeglicher Beleg dafür, dass die zivilen Passanten bewaffnet waren oder Rouzier in Lebensgefahr brachten.[4]
Die nationalistische Rechte nutzt den Zwischenfall für eine grundlegende Abrechnung mit der französischen Besatzungspolitik. Das Harburger Tageblatt spricht von der "tückischen Hand eines Mordbuben" und fragt rhetorisch, wie lange deutsche Männer und Frauen noch unter der Autorität der fremden Armee leiden müssten.[1] Das Blatt sieht in den Übergriffen am Rhein einen Hohn auf jeden Friedenswillen des Nachbarlandes, trotz Locarno und trotz der Anstrengungen des Außenministers für eine Verständigung.[1] Auf französischer Seite hingegen wird die deutsche Empörung als künstlich hervorgerufen angesehen. Der Pariser Figaro übt scharfe Kritik an der deutschen Presse und wirft insbesondere dem Lokal-Anzeiger vor, Zwischenfälle gezielt übertrieben darzustellen.[3] Der Figaro verweist darauf, dass erst kürzlich in Trier ein französischer Arbeiter einen Einheimischen getötet habe und in Koblenz ein Student von französischen Soldaten schwer misshandelt worden sei.[3] Solche bedauerlichen Ereignisse würden herausgestellt, um die Stimmung anzuheizen.[3] Auch der Temps sieht in der deutschen Haltung den Versuch, die öffentliche Meinung gezielt zu beeinflussen.[2] Die politische Absicht sei offenkundig: Es solle eine Bewegung gegen die Besatzung der zweiten und dritten Rheinlandzone entstehen, um die sofortige Räumung herbeizuführen.[3] Nach Aussagen der französischen Untersuchung befand sich Rouzier in Zivil, als er von sechs Deutschen beschimpft und bedroht wurde.[3] Nachdem er sich losgerissen und einen Warnschuss abgegeben hatte, sei er erneut angegriffen worden; daraufhin habe er in legitimer Verteidigung auf seine Angreifer geschossen.[3]
Die diplomatischen Verwicklungen machen inzwischen ein unmittelbares Eingreifen der Reichsregierung erforderlich. Außenminister Stresemann, der auf einer Sitzung des Zentralausschusses der Deutschen Volkspartei in Köln unter starkem Beifall seine Politik erläuterte, führt eigens Besprechungen zu dem Vorfall.[3] Staatssekretär von Schubert ist persönlich nach Köln gereist, um sich mit Stresemann über die Angelegenheit zu beraten.[3] Stresemann, dem der frühere Reichsminister Jarres in Köln den Dank der besetzten Gebiete für seine Befreiungspolitik aussprach, steht vor einem schwierigen Balanceakt.[3] Wie der Vorwärts abschließend mahnt, darf die deutsch-französische Annäherung nicht an lokalen Gewaltausbrüchen scheitern.[4] Die Hetze in der rechtsgerichteten Presse erschwere die Befreiung der Rheinlandbevölkerung von der Besatzung und trage nicht zur Lösung bei.[4]