Unter dem Eindruck drängender außen- und innenpolitischer Entscheidungen ist die Deutsche Volkspartei am Freitag in den Mauern der rheinischen Metropole zu ihrem diesjährigen Reichsparteitag zusammengetreten.[1][2] Die Tagung zeugte von Beginn an von einer bemerkenswerten Einmütigkeit und der inneren Stärke der Gruppierung. Dies zeigte sich bereits in der vorangegangenen Sitzung des Zentralvorstandes.[1] Der Parteivorsitzende und Reichsminister des Auswärtigen, Dr. Stresemann, eröffnete die Versammlung mit einem Hoch auf das deutsche Vaterland; die Delegierten stimmten begeistert ein.[2] Zuvor war auf Vorschlag Stresemanns der Reichstagsabgeordnete Geheimrat Dr. Kahl einstimmig zum Präsidenten des Parteitages gewählt worden.[2] In seiner Begrüßungsansprache dankte er dem rheinischen Land und der Stadt Köln für das treue Aushalten während der sieben Jahre der Fremdherrschaft.[2] Mit besonderer Herzlichkeit gedachte die Versammlung außerdem des heutigen dreiundsiebzigsten Geburtstages des Reichspräsidenten von Hindenburg, dem der Parteitag ein Glückwunschtelegramm übersandte.[2] Die Bedeutung der Versammlung wurde auch durch die Anwesenheit zahlreicher Gäste herausgehoben.[2] So wohnten der Abgeordnete Langen-Hahn von der Großdeutschen Volkspartei, Senator Dr. Brunner von der Deutschnationalen Partei der Tschechoslowakei sowie politische Freunde aus Polen, Danzig und dem Memelgebiet dem Parteitag bei.[2] Auch ein Vertreter des Deutschtums in Amerika, Studiendirektor Dr. Treut, hatte sich am Rhein eingefunden.[2] Dem Präsidium gehören neben Geheimrat Kahl unter anderem der Minister a. D. Scholz, Dr. von Campe und Frau Dr. Neven-Dumont an, die den Wahlkreisausschuss in Köln führt.[2]

Im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit stand die große politische Rede Stresemanns. Er legte die Grundlinien seiner Politik dar und richtete deutliche Worte an die politische Rechte.[3] Stresemann hob hervor, dass die Außenpolitik nach wie vor primär das politische, soziale und wirtschaftliche Sein Deutschlands bestimme.[2] Der Minister verteidigte nachdrücklich seine in Thoiry geführten Besprechungen mit dem französischen Außenminister Briand.[3] Nach Stresemanns Ausführungen sei Briand dort nichts bewilligt worden, was über die bereits bestehenden Verpflichtungen Deutschlands hinausreiche.[3] Die getroffenen Abmachungen beträfen lediglich eine Änderung des Transfersystems.[3] Den Rückkauf der Saargruben in bar, so der Minister, habe schon der Versailler Vertrag vorgesehen.[3] Eine Anleihe zu diesem Zweck würde allein im Rheinland binnen weniger Stunden überzeichnet sein.[3] In diesem Zusammenhang dankte der Duisburger Oberbürgermeister Dr. Jarres dem Außenminister ausdrücklich für dessen Befreiungspolitik. Die besetzten Gebiete würden diese niemals vergessen, wie der Pariser Figaro in seinem Bericht besonders hervorhob.[4]

Stresemann wies die Fundamentalopposition der Deutschnationalen Volkspartei scharf zurück.[3] Noch am 26. September habe der deutschnationale Führer Hergt die Besprechung in Thoiry abfällig kritisiert und als den nationalen Interessen abträglich bezeichnet.[3] Stresemann erinnerte den Parteitag daran, dass die Deutschnationalen weder die Locarnopolitik mitgetragen noch an den Sitzungen in Genf teilgenommen hatten, obwohl sie dazu nachdrücklich aufgefordert worden waren.[3] Mit dem formalen Recht allein, wie es die Konservativen verlangten, lasse sich keine Politik machen, denn die Weltgeschichte werde immer durch reale Machtverhältnisse entschieden.[3] Im weiteren Verlauf der Aussprache äußerten verschiedene Redner starke Bedenken hinsichtlich eines künftigen Zusammengehens mit der Deutschnationalen Volkspartei.[3] Es sei schwer, mit einer Gruppierung zu koalieren, die die Fortschritte der letzten Zeit leugne.[3] Dennoch äußerte Stresemann in seinem Schlusswort die Hoffnung, dass künftig die gemäßigten Elemente unter den Deutschnationalen mehr die Führung übernehmen könnten, sodass ein Zusammengehen überhaupt wieder möglich erscheine.[3]

Anschließend wandte sich der Außenminister den inneren Angelegenheiten zu. Er ging auf die aus Beamtenkreisen geäußerten Beschwerden über den rigorosen Abbau im Reichsfinanzministerium ein.[3] Die strenge Verordnung des Reichsfinanzministers, so erklärte er nüchtern, sei unbedingt notwendig gewesen, um die Staatsfinanzen im Gleichgewicht zu halten.[3] Ein weiteres wichtiges Thema der Debatte war das Verhältnis der Deutschen Volkspartei zu den nationalen Verbänden.[3] Es wurde betont, dass die Partei in diesen Organisationen angemessen vertreten sein müsse.[3] In der Aussprache wurde darauf hingewiesen, dass der Stahlhelm mittlerweile zu achtzig Prozent aus Arbeitern bestehe, die sich in der Organisation zurechtfänden.[3] Der Vierte Stand erkämpfe seine volle Gleichberechtigung nicht nur im Rahmen der Sozialdemokratie, sondern auch bei den Deutschnationalen; gerade diese Entwicklung dürfe die Volkspartei nicht unbeachtet lassen.[3]

Der Parteitag behandelte neben den politischen auch wirtschaftliche und kulturelle Fragen.[1] In einer Untersuchung zur Wirtschaftslage schilderte Dr. Lammers den Spannungszustand zwischen Politik und Wirtschaft und verwies auf die laufende Wirtschaftsenquete.[1] Diese umfangreiche Untersuchung, die als Grundlage für die kommende Weltwirtschaftskonferenz dienen soll, befasst sich eingehend mit dem Organisationswesen der industriellen Wirtschaft.[1] Im kulturpolitischen Teil widmete sich der Reichsschulausschuss, geleitet von Staatsminister Dr. Boelitz und dem Abgeordneten Hollmann, der ungelösten Frage des Reichsschulgesetzes.[1] Ein wohlverstandener Liberalismus, so wurde in den Beratungen betont, sei nicht tot und habe nichts mit einem Kulturkampf zu tun.[1] Die Deutsche Volkspartei wolle vielmehr alle Kräfte des deutschen Geisteslebens nach Kräften fördern, die tief im Religiösen wurzeln.[1] Die Schule benötige im inneren Leben vor allem Ruhe und eine stetige Entwicklung, um aus dem Streit herauszutreten, der seit der Revolution das innere Leben der Volksschule hemmt.[1]

Zum Abschluss der rheinischen Tagung wendeten sich die versammelten Abgeordneten der Deutschen Volkspartei an die Reichsregierung in Berlin.[1] Sie fordern, als Stätte für das geplante Ehrenmal zur Erinnerung an die im Weltkrieg Gefallenen die Lorcher Rheininseln zu bestimmen.[1] Dies begründeten die Parlamentarier damit, dass der Rhein Ziel und Preis des großen Ringens der Völker gewesen sei.[1]