Das Ende des folgenschweren anti-britischen Boykotts, der den Handel Südchinas seit über einem Jahr lähmt, rückt in greifbare Nähe. In Kanton herrscht die Auffassung vor, dass die Streik- und Boykottmaßnahmen spätestens bis zum 10. Oktober, möglicherweise sogar noch früher, beendet werden.[1] Ein formeller Regierungsaufruf wird hierfür nicht als notwendig erachtet. Vielmehr soll der schlichte Rückzug der Streikposten sowie die Abschaffung des Passiersystems dazu dienen, die Aufrichtigkeit der Regierung zu belegen.[1] Eine weitere Meldung aus Kanton besagt, dass die Verzögerung bei der vollständigen Wiedereröffnung des Schiffsverkehrs nach Hongkong hauptsächlich darauf zurückzuführen ist, dass das Streikkomitee noch Zeit zur Ausarbeitung letzter Einzelheiten des Abkommens benötigt.[1] Handelskreise raten bereits, dass Reeder und Kaufleute bei ausbleibenden Störungen den normalen Verkehr wieder aufnehmen sollten, um die tatsächliche Lage in der Praxis zu prüfen.[1]

Die China Mail berichtet ausführlich über eine bedeutsame Zusammenkunft der nationalchinesischen Führung, in der die genauen Bedingungen der Beilegung erörtert wurden.[2] An den Beratungen nahmen Außenminister Eugen Tschen, Finanzminister T. Sung (T. V. Soong) sowie der Vorsitzende des Streikkomitees, Su Schi-tsching, teil.[2] Während Tschen nachdrücklich für die pünktliche Wiederaufnahme der Verkehrsverbindungen plädierte, verlangte Su Auskünfte darüber, mit welchen Mitteln die massenhaft eingesetzten Streikposten demobilisiert und abgefunden werden sollen.[2] Man einigte sich schließlich darauf, dass das Außen- und das Finanzministerium diese heikle finanzielle Frage gemeinsam lösen sollen.[2]

Die Bereitstellung der Gelder ist offenbar an neue fiskalische Maßnahmen geknüpft. Wie die China Mail weiter ausführt, rechtfertigt die Regierung die geplante Erhebung spezieller Konsum- und Produktionssteuern mit britischen Vorschlägen zur Kompensation der Likin-Binnenzölle.[2] Bereits am 18. September teilte Tschen dem britischen Generalkonsul Sir James Jamieson schriftlich mit, dass Vorbereitungen zur Beendigung des Boykotts getroffen seien. Zugleich kündigte er die Einziehung jener neuen Abgaben unverblümt an.[2]

Trotz dieser spürbaren Entspannung in Südchina bleiben die britisch-chinesischen Beziehungen insgesamt angespannt. Nach Angaben der Moskauer Prawda prangerte der chinesische Delegierte beim Völkerbund in Genf das militärische Vorgehen Großbritanniens am Jangtsekiang scharf an.[3] Er rügte, britische Kanonenboote hätten das Feuer auf chinesische Polizei eröffnet und schwere Geschütze gegen Wanhsien (Wanzhou) eingesetzt; dies bezeichnete er als direkte Bedrohung des Friedens im Fernen Osten.[3] Die Londoner Presse reagierte auf diese Vorwürfe ungehalten und zeigte sich überrascht von dem selbstbewussten Auftreten der chinesischen Delegation in Genf.[3] Das britische Kabinett hat unterdessen in Peking offiziellen Protest eingelegt und macht die chinesischen Behörden für den Zwischenfall verantwortlich. Begründet wird dies damit, dass diese versucht hätten, britische Handelsschiffe gewaltsam für Truppentransporte zu requirieren.[3]