Die amerikanische Regierung wird ihre nächsten Schritte in der Frage eines Beitritts zum Ständigen Internationalen Gerichtshof im Haag eng mit den führenden Köpfen des Senats abstimmen.[1] Wie die Washington Post berichtet, geht Präsident Coolidge davon aus, dass die Antworten der Mehrheit der Signatarstaaten das neue Genfer Protokoll enthalten werden, welches die amerikanischen Beitrittsvorbehalte nicht akzeptiert.[1] Aus diesem Grund beabsichtigt das Weiße Haus, keine weiteren diplomatischen Schritte zu unternehmen. Erst wenn diese offiziellen Antworten in Washington eingetroffen sind und von der Exekutive sowie den zuständigen Senatoren eingehend geprüft wurden, sollen weitere Entscheidungen fallen.[1] Diese abwartende Haltung verfestigte sich, nachdem Coolidge sich mit dem Abgeordneten Theodore E. Burton beraten hatte.[1] Burton, der von der Tagung der Interparlamentarischen Union in Genf zurückgekehrt ist, überbrachte eine ernüchternde Einschätzung. Er glaubt nicht, dass die europäischen Mächte die Bedingungen der Vereinigten Staaten annehmen werden.[1] Diese deutliche Warnung dämpft die Hoffnungen der amerikanischen Internationalisten erheblich. Bislang vertrauten sie darauf, die Völkerbundmächte könnten ihre Meinung noch ändern und Amerika zu dessen eigenen Bedingungen in den Gerichtshof aufnehmen.[1]
Durch diese Entwicklungen wird das Problem des Weltgerichtshofs die amerikanische Regierung und die Legislative vorerst nicht weiter beschäftigen. In Washington erwartet zudem niemand, dass die auswärtigen Mächte ihre Antworten mit besonderer Eile übermitteln.[1] Wahrscheinlich werden der Präsident und der Senat erst zu Beginn des nächsten Jahres die Frage erörtern müssen, ob die Möglichkeit einer amerikanischen Beteiligung an dem Tribunal vollständig fallen gelassen werden soll.[1] Unterdessen weiß Coolidge von keinen konkreten Plänen der Regierung, den amerikanischen Beitrittsantrag offiziell zurückzuziehen.[1] Solche Vorstöße sind gegenwärtig ausschließlich von jenen Senatoren zu erwarten, die dem Gerichtshof ohnehin ablehnend gegenüberstehen.[1]
Während auf politischer Ebene eine Ablehnung der amerikanischen Bedingungen droht, bemüht sich der Ständige Internationale Gerichtshof selbst um juristische Zugeständnisse.[1] Nach Angaben der Washington Post hat das Haager Tribunal durch eine umfassende Änderung seiner Geschäftsordnung die Grundlagen für einen möglichen Beitritt der Vereinigten Staaten geschaffen.[1] Der amerikanischen Vertretung für die Publikationen des Gerichts, der Weltfriedensstiftung, liegt ein Exemplar der revidierten Regeln vor. Daraus geht hervor, dass 31 der 75 ursprünglichen Artikel aus dem Jahr 1922 überarbeitet wurden.[1] Ein Großteil dieser Änderungen betrifft Verfahrensfragen; mehrere sind gezielt der Handhabung von Rechtsgutachten gewidmet.[1] Dies berührt direkt den fünften amerikanischen Vorbehalt, der besagt, dass die Vereinigten Staaten an keine Gutachten gebunden sind, die ohne ihre ausdrückliche Zustimmung erbracht wurden.[1]
Die neuen Bestimmungen sehen vor, dass der Gerichtshof künftig in geheimer Sitzung über derartige Gutachten beraten wird — eine Vertraulichkeit, die bisher ausschließlich bei eigentlichen Gerichtsverfahren galt.[1] In den Protokollen zu diesen Gutachten sollen laut den überarbeiteten Regularien lediglich der Gegenstand der Debatte sowie die abgegebenen Stimmen mit den Namen der Befürworter und Gegner verzeichnet werden.[1] Ob diese verfahrenstechnischen Anpassungen der Haager Richter ausreichen werden, um den politischen Widerstand im amerikanischen Senat zu brechen, bleibt ungewiss, solange die offiziellen Antworten der Mächte ausstehen.[1]