Unter ungeheurem Andrang trat am Wochenende der siebte Reichsparteitag der Deutschen Volkspartei im großen Saale des Kölner Gürzenich zusammen.[1] Vor der Kulisse alter Kölner Wappenfahnen und unter den lorbeergeschmückten Büsten Hindenburgs und Bassermanns eröffnete Geheimrat Kahl die Sitzung mit Worten wärmsten Dankes an die Rheinländer für ihr tapferes Ausharren in schwerer Zeit.[1] Als jedoch im Anschluss der Reichsminister des Äußeren, Dr. Gustav Stresemann, das Rednerpult betrat, richteten sich die Blicke weit über die Stadtgrenzen Kölns hinaus auf eine Ansprache, die in den europäischen Hauptstädten unverzüglich erhebliche diplomatische Erschütterungen auslösen sollte.[2][1]

Der deutsche Außenminister verteilte zunächst bemerkenswerte Anerkennung an den loyalen Willen des französischen Außenministers Aristide Briand zur Verständigung.[3] Stresemann bekräftigte, dass die Entwicklung des neuen Deutschland nur auf der Grundlage des Friedens geschehen könne und dass dieser Friede nicht möglich sei, wenn ihm nicht eine deutsch-französische Entente vorausgehe.[3] Die in Thoiry begonnene Politik müsse dem Wiederaufbau Europas dienen. Dafür müssten sich alle Männer von gutem Willen einigen.[3]

Die versöhnlichen Töne traten jedoch rasch in den Hintergrund, als Stresemann sich der jüngsten Äußerungen des französischen Ministerpräsidenten Raymond Poincaré annahm. Poincaré hatte in Bar-le-Duc und St. Germain die Alleinschuld Deutschlands am Ausbruch des Weltkrieges bekräftigt — Behauptungen, die Stresemann als einen bedauerlichen Widerhall auf die sogenannte Befriedungspolitik bezeichnete.[4][2] Der deutsche Außenminister schlug stattdessen vor, die Verantwortung für die Kriegsschuld durch ein unparteiisches internationales Schiedsgericht klären zu lassen.[3][2]

Die Reaktion aus Paris ließ nicht auf sich warten und fiel an Schärfe kaum zu überbieten aus. Die halbamtliche Agentur Havas verbreitete umgehend eine zweifellos von Poincaré selbst herrührende Mitteilung.[5] Darin wurde nachdrücklich darauf verwiesen, dass der französische Regierungschef in seinen Reden überaus sorgsam zwischen der kaiserlichen Regierung und dem deutschen Volke unterschieden habe.[5][2] Es sei daher auffallend, dass der deutsche Minister des Äußeren es für angebracht gehalten habe, dem französischen Ministerpräsidenten öffentlich zu widersprechen.[3][2] Aus Regierungskreisen in Paris verlautete hierzu kategorisch, dass Poincarés Ausführungen nach vorheriger Beratung im Ministerrat erfolgt seien und sowohl in Form als auch in Inhalt die unveränderte Ansicht der gesamten französischen Regierung zum Ausdruck brächten.[3][2]

Die Pariser Presse widmet dem Kölner Vorstoß breiten, zumeist überaus kritischen Raum. Der Temps führt in seinem offiziösen Leitaufsatz die Ausführungen Stresemanns auf faktische Gründe der deutschen Innenpolitik zurück und meint, der Minister habe vornehmlich mit Blick auf die Parteien der Rechten gesprochen.[3][4][6] Das Blatt erinnert daran, dass es Stresemann selbst gewesen sei, der durch seine unvorsichtige Sprache bei dem berüchtigten Genfer Bierabend die Auseinandersetzung über die Verantwortung Deutschlands wieder eröffnet habe.[4][2] Poincaré habe daraufhin lediglich die von französischer Seite erforderliche Antwort erteilt.[4][6]

In der nationalistischen Presse schlägt die Kritik in offene Feindseligkeit um. Eine Aufsatzreihe des Schriftstellers Henry Béraut im Journal peitscht das innere Widerstreben der Franzosen gegen alles Deutsche geradezu hoch.[4] Im Figaro wird spöttisch bemerkt, nach dem Trommelschlagen auf dem deutschen Bierabend in Genf habe es nun in Köln Flötentöne gegeben.[7] Stresemann habe eine diplomatische Orchestrierung versucht, bei der man dem pathetischen Vortrag des Deutschen das Violoncello Briands allemal vorziehen müsse.[7]

Noch weiter geht René Lara im Gaulois. Er fragt unumwunden, was Frankreich eigentlich von der Räumung des Rheinlandes und der Rückgabe des Saargebietes habe, wenn Stresemann die deutsch-französische Entente offenkundig nicht im Rahmen des Versailler Vertrages, sondern nur durch dessen faktische Revision anstrebe.[6] Lara warnt eindringlich: Falle durch ein Schiedsgericht die Schuld Deutschlands, so falle die moralische Grundlage für die Reparationen; Frankreich und Belgien gingen leer aus, müssten aber weiterhin ihre eigenen Kriegsschulden an Amerika zahlen.[6] In dieselbe Kerbe schlägt die Liberté, die betont, dass im Falle eines Freispruchs für Deutschland unweigerlich auch England ins Zwielicht geriete.[3] Die Victoire wiederum warnt davor, dass Frankreich seine bestehenden Allianzen zugunsten der Thoiry-Politik auflöse, da Polen, England und Italien bereits beunruhigt seien.[3]

Das Echo de Paris, das den militärischen Kreisen nahesteht, konstruiert aus der Kölner Rede gar einen fundamentalen Gegensatz zwischen Briand und Poincaré.[3] Stresemann fordere eine Revision, Poincaré hingegen die strikte Durchführung der Verträge. Der Deutsche müsse begreifen, dass in Paris zwar Briand das Außenministerium leite, der Präsident jedoch Poincaré heiße.[3] Der Avenir pflichtet bei und wertet Stresemanns Vertrauensbekundung an Briand als bewusste Beleidigung Poincarés.[3]

Einige wenige gemäßigte Stimmen mischen sich in den Chor der Empörung. Die radikalsozialistische Ere Nouvelle lobt den abgewogenen und von lobenswertem Geist getragenen Ton Stresemanns.[7] Der Chef der Wilhelmstraße hat, obwohl er sich gern bismarckisch nennen lässt, offenkundig auf das alte Rezept des eisernen Kanzlers — traue niemandem und trage alles — verzichtet.[7] Der Intransigeant rechnet es Stresemann hoch an, auf die Hilfe der Vereinigten Staaten zur Mobilisierung der deutschen Eisenbahnobligationen zu hoffen. Allerdings fügt das Blatt hinzu, dass Präsident Coolidge und die an der Morgan-Anleihe interessierten Bankiers derartigen Wünschen wohl widerstehen dürften.[3] Der Paris Soir bringt die Havas-Mitteilung demonstrativ unauffälliger als die Konkurrenz.[4]

Jenseits des Atlantiks erregt der diplomatische Zusammenstoß ebenfalls Aufmerksamkeit. Nach Meldungen der Washingtoner Korrespondenten der Washington Post lehnen amerikanische Regierungskreise jedoch jeden offiziellen Kommentar zur Kriegsschuldfrage ab.[5][2] Man legt das Hauptgewicht vielmehr auf die Erläuterung der Differenzen zwischen den Mächten und beobachtet genau die parallel stattfindenden Gespräche zwischen dem britischen Außenminister Sir Austen Chamberlain und Benito Mussolini in Livorno sowie Briand in Paris.[5] Chamberlain, der auf seiner Rückreise in Paris eintraf und sogleich mit Briand sowie dem britischen Botschafter zusammentraf, beeilte sich in London bei einem Presseempfang zu versichern, sein Treffen mit Mussolini sei keineswegs als Gegenstück zu Thoiry organisiert worden.[5][7] Es sei eine falsche Auffassung, anzunehmen, Mussolini oder er selbst seien eifersüchtig auf die deutsch-französische Annäherung.[7]

In den Berliner Regierungskreisen bemüht man sich derweil um rasche Schadensbegrenzung. Wie aus parlamentarischen Kreisen verlautet, tritt am kommenden Donnerstag der Auswärtige Ausschuss des Reichstages zusammen. Vor diesem Gremium wird Dr. Stresemann ein eingehendes Referat über die allgemeine außenpolitische Lage sowie den Stand der Sachverständigenbesprechungen zu den in Thoiry aufgeworfenen Problemen halten.[8] Der Minister hat offenkundig nicht die Absicht, die von Poincaré neu aufgeworfene Kriegsschuldfrage weiter zu vertiefen.[8] Was deutscherseits dazu zu sagen war, sei in Köln abschließend formuliert worden; eine Fortsetzung der Diskussion liege nicht im Sinne der Reichsregierung.[8] Das Reichskabinett wird voraussichtlich ebenfalls am Donnerstag zusammentreten, obschon konkrete Beschlüsse nicht zu erwarten sind, da Reichsfinanzminister Dr. Reinhold erst Mitte des Monats aus Spanien über Paris nach Berlin zurückkehrt.[8]

Die Aussichten auf rasche Erfolge der Verständigungspolitik scheinen vorerst stark getrübt. Das Echo de Paris fasste die harte französische Haltung am Montag prägnant zusammen: Für Frankreich habe derzeit einzig die Finanzfrage Bedeutung. Das jetzige Kabinett besitze keine andere Aufgabe, als diese zu lösen. Solange dies nicht geschehen sei, kämen andere Dinge, wie Stresemann sie anstrebe, überhaupt nicht in Frage.[3]