Nach seinem Erholungsurlaub in Italien und der viel beachteten Zusammenkunft mit dem italienischen Ministerpräsidenten Benito Mussolini in Livorno ist der britische Außenminister Sir Austen Chamberlain am Sonntagabend wieder in London eingetroffen.[1] Auf seiner Rückreise legte der Minister einen Zwischenstopp in Paris ein, um sich mit seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand auszutauschen.[2] Wie die Sunday Times zu berichten weiß, hatte Chamberlain diesen Aufenthalt in der französischen Hauptstadt ursprünglich gar nicht vorgesehen.[1] Er entschloss sich jedoch kurzfristig dazu, um den in der Öffentlichkeit kursierenden Behauptungen entgegenzuwirken, die Begegnung in Livorno sei als ein Gegenzug zu den deutsch-französischen Gesprächen in Thoiry konzipiert worden.[1]

Wie der Hong Kong Telegraph meldet, war Chamberlain bereits in Genf über die Absichten Briands zu einer Unterredung mit dem deutschen Außenminister Gustav Stresemann informiert worden.[2] Er musste die Schweiz allerdings noch vor dem Treffen in Thoiry verlassen. Während einer zweiwöchigen Kreuzfahrt im Mittelmeer erholte er sich.[2] Unmittelbar nach seiner Ankunft am Bahnhof in London nutzte Chamberlain die Gelegenheit und gab den versammelten Pressevertretern beruhigende Erklärungen ab.[1] Den Gedanken, Livorno solle ein Gegengewicht zu Thoiry bilden, wies er nachdrücklich zurück und bezeichnete eine solche Auffassung als Missverständnis.[2][1] Die Begegnung mit Mussolini wäre, so der britische Außenminister, auch dann erfolgt, wenn es keinerlei Gespräche in Thoiry gegeben hätte.[1] Nach Angaben der Prawda betonte Chamberlain, dass er während seines Aufenthalts in Italien das Leben eines Urlaubers geführt habe, fern von amtlichen Papieren und Telegrafie.[3] Dennoch sei bei dem Treffen mit Mussolini der Völkerbund angesprochen worden, wie es bei einem Gespräch mit solch hochrangigen Persönlichkeiten zu erwarten ist.[3] Chamberlain versicherte außerdem, er habe sich mit Mussolini — und später mit Briand — ausschließlich über Fragen unterhalten, an denen alle drei Staaten ein gemeinsames Interesse besaßen.[1] Pläne für eine Dreierkonferenz schloss er aus.[1]

In Paris gaben Briand und Chamberlain im Anschluss an ihre Unterredung ein Kommuniqué heraus, das die Einigkeit der beiden Alliierten unterstreicht.[2] Darin wird hervorgehoben, dass die beiden Staatsmänner eine vollkommene Übereinstimmung in ihren Ansichten über die Lösung der gegenwärtigen internationalen Probleme festgestellt hätten.[2] Der Pariser Temps begrüßt diesen Schritt ausdrücklich und sieht darin eine zweckmäßige Geste, weil Chamberlain seinem französischen Kollegen die Auffassungen und Wünsche Mussolinis aus erster Hand habe vermitteln können.[4] Die Zusammenkunft in Paris habe den tendenziösen Manövern ausländischer Blätter, die Livorno gegen Thoiry ausspielen wollten, „das deutlichste Dementi“ erteilt.[4]

Trotz dieser offiziellen Harmoniebekundungen mischen sich in der französischen Presse auch kritische Stimmen in die Debatte. Der Direktor der Zeitung Le Gaulois, René Lara, mahnte zur Vorsicht. Er erklärte, eine allzu enge Annäherung zwischen Italien und England müsse in einem Moment, in dem die französisch-italienischen Beziehungen eine Abkühlung erfahren, die Aufmerksamkeit der Republik hervorrufen.[4] Lara verwies auf die Schwächung der französischen Seemacht seit dem Krieg, die Frankreich dazu zwinge, die Vorstöße jener Nationen, die mit ihm die Vorherrschaft im Mittelmeer teilten, aufmerksam zu beobachten.[4] Im Gegensatz dazu konstatiert L'Ere nouvelle, dass durch die breite Öffentlichkeit der Gespräche Ängste vor geheimen Abkommen oder feindlichen Blockbildungen übernommen worden seien.[4]

In der britischen Hauptstadt zeigt sich unterdessen eine Beruhigung der öffentlichen Meinung.[1] Das englische Volk hegt offenbar keine Absicht, sich durch die diplomatische Aktivität Mussolinis in einen Gegensatz zu Frankreich oder Deutschland bringen zu lassen.[1] Der Observer schreibt in diesem Zusammenhang, die Geschichte der britischen Außenpolitik seit dem Vertrag von Versailles sei der beste Beweis dafür, dass England eine Besserung der Beziehungen zwischen Paris und Berlin ohne irgendwelche Hintergedanken befürworte.[1] Eine enge Verständigung mit Italien gehöre zwar zur ständigen Überlieferung der britischen Diplomatie; dennoch werde diese nicht höher bewertet als bisher, nur weil Frankreich nun den Weg der Annäherung an Deutschland beschritten habe.[1] Auch der frühere Premierminister David Lloyd George bestätigte diese Meinung in einem Beitrag für die Sunday News.[1]