Die Uneinigkeit innerhalb der russischen Kommunisten spitzt sich dramatisch zu.[1] Wie die Los Angeles Times meldet, haben die Führer der Opposition — Trotzky (Leo Trotzki), Sinowjew und Kameneff — dem Parteisekretär Stalin formell den Kampf angesagt.[2] Dies geschieht knapp drei Wochen vor dem geplanten großen Parteitag der Kommunisten.[2] Die offene Herausforderung erfolgt, obwohl die Führung bereits strenge Maßnahmen gegen die kritische Minderheit ergriffen hat.[2]

Eine besonders bemerkenswerte Wendung stellt das plötzliche Auftauchen Trotzkys aus seiner bisherigen Zurückgezogenheit dar.[1] Am frühen Morgen um 1 Uhr erschien der ehemalige Kriegskommissar unerwartet vor einer Versammlung von Arbeitern in einer Moskauer Fabrik für Flugbedarf.[1] In einer anderthalbstündigen, groß angelegten Rede griff er das Zentralkomitee massiv an.[1] Auch Sinowjew trat bei der nächtlichen Versammlung auf.[1] Die beiden Politiker zeigten zunächst durch demonstratives gegenseitiges Loben ihre wiedergewonnene Einigkeit. Danach attackierten sie gemeinsam die Politik Stalins.[1]

Trotzky forderte die Anwesenden auf, sich der Opposition anzuschließen. Dabei bewies er, dass er von seiner altbewährten Rednergabe nichts eingebüßt hat.[1] Schulter an Schulter mit anderen prominenten ‚Rebellen' — darunter Radek (Karl Radek), Piatikoff (Georgi Pjatakow), Sworonow und Smilga (Iwar Smilga) — trotzte er den Drohungen des Parteiregimes.[1] Der Redner plädierte nachdrücklich für Redefreiheit sowie für einen demokratischen Geist innerhalb der Partei.[1] Zugleich protestierte er heftig gegen die Haltung der Führung gegenüber den Minderheiten.[1]

Trotz dieses rhetorischen Kraftaktes endete die anschließende Abstimmung mit einer Niederlage für die Opposition.[1] Lediglich 27 der rund 100 anwesenden Arbeiter stimmten öffentlich für Trotzky, während 73 gegen ihn votierten.[1] Die Nachricht von diesem Auftritt verbreitete sich rasch in ganz Moskau und löste erhebliche Aufregung aus.[1] Der Moskauer Parteiausschuss trat daraufhin sofort zusammen und nahm eine scharfe Resolution an.[1] Darin werden Trotzky und seine Genossen wegen schwerer Verletzung der Parteidisziplin verurteilt.[1] Das Komitee bezeichnet diese Handlungsweise wörtlich als „ein noch nicht dagewesenes Verbrechen gegen die Partei“.[1] Das Gremium forderte das Zentralkomitee auf, rigoros gegen jene Mitglieder vorzugehen, die den Willen der Partei missbrauchen.[1] Noch am selben Tag schloss das Komitee die Mitglieder Ailschakoss und Pegaewsky aus, da sie an illegalen Fraktionsversammlungen teilgenommen hatten.[1]

Die Auswirkungen dieses innersowjetischen Bruderstreits machen sich derweil auch in Deutschland bemerkbar. Laut dem Vorwärts greift die offizielle Parteipolitik nun ebenso in der deutschen Schwesterpartei hart gegen linke Abweichler durch.[3] So schloss die Bezirksleitung Berlin-Brandenburg-Lausitz am 1. Oktober den Kommunisten Heinrich Giwan wegen angeblicher Propagierung konterrevolutionärer Auffassungen aus.[3] Giwan, der zu den Unterzeichnern der bekannten „Erklärung der Siebenhundert“ gehört, wirft der offiziellen Politik vor, nicht revolutionär genug zu sein.[3]