Die Euphorie der jüngsten Begegnungen in Genf weicht einer spürbaren Ernüchterung.[1] Die Politik von Thoiry, die eine umfassende Liquidierung der Kriegsfolgen in Aussicht stellte, scheint in eine ernste Krise geraten zu sein, aus der sich nicht leicht ein Ausweg finden lässt.[1] Aus Pariser Berichten der Deutschen Allgemeinen Zeitung geht hervor, dass sich die französische Öffentlichkeit zunehmend von dem Verständigungskurs distanziert.[1] Zwar bemühen sich offizielle Stellen, den Anschein fortlaufender Verhandlungen zu wahren, doch die maßgebliche Presse schlägt einen weitaus unnachgiebigeren Ton an und spiegelt ein Abrücken der Regierung wider.[1]
Besonderer Unmut richtet sich in Paris gegen die Forderung nach einer vorzeitigen Räumung des Rheinlandes.[1] Dem Temps zufolge ist an eine Beschleunigung der Räumung, die von deutscher Seite als Grundlage jeder echten Verständigung betrachtet wird, nicht zu denken.[1] Das Blatt weist deutsche Hoffnungen, es handle sich um einen gebotenen Akt der Gerechtigkeit, scharf zurück und macht deutsche Nationalisten vielmehr für jüngste Zwischenfälle im besetzten Gebiet verantwortlich.[1] Diese Kreise, so argumentiert die französische Seite, würden die von den Alliierten gewährten Erleichterungen missbrauchen.[1] Nach Ansicht der Pariser Presse arbeiten diese Störenfriede unmittelbar gegen den eigenen Außenminister Gustav Stresemann.[1]
Hinter den Kulissen offenbaren sich jedoch handfeste finanzpolitische Motive für die französische Zurückhaltung.[2][1] Laut der Badischen Presse befindet sich Ministerpräsident Raymond Poincaré in erheblicher Verlegenheit bezüglich der interalliierten Schulden.[2] Die in Thoiry angedachte rasche Begebung deutscher Eisenbahnobligationen ist praktisch nur durchführbar, wenn der amerikanische Kapitalmarkt sich diesen Papieren öffnet.[2] Dies wiederum setzt voraus, dass Frankreich das Washingtoner Schuldenabkommen ratifiziert.[2] Poincaré fürchtet allerdings, dass ein solches Abkommen in der Pariser Kammer auf massive Widerstände stoßen wird.[2][1] Um der Entscheidung zwischen Annahme und Ablehnung auszuweichen — ein offenes Bekenntnis scheut er —, rückt er das Thema der Kriegsschuldfrage gezielt in den Vordergrund.[2]
Sollte Poincaré auf dem Standpunkt beharren, dass das Deutsche Reich seine Alleinschuld am Krieg bedingungslos anerkennen müsse, wären weitere Verhandlungen von vornherein blockiert.[2] Die Badische Presse analysiert, dass der französische Regierungschef damit einen Vorwand erhielte, um der deutschen Seite das Scheitern der Gespräche zuzuschreiben.[2] Poincaré kann den Verständigungskurs seines Außenministers Aristide Briand im Grunde nicht billigen, wird aber durch die prekäre Währungssituation seines Landes von offenen Sabotageakten abgehalten.[2] Neue Abenteuer wie der Einmarsch ins Ruhrgebiet kommen angesichts der wirtschaftlichen Instabilität nicht in Frage; er muss daher mit dem Verstand eine Politik dulden, die er innerlich ablehnt.[2]
Gleichwohl greift der französische Ministerpräsident immer wieder zu scharfer Rhetorik, wie kürzlich in Bar-le-Duc, und beruft sich dabei konsequent auf die Thesen des Versailler Vertrages.[2] Dies hat sowohl psychologische als auch machtpolitische Gründe.[2] Zum einen ruht das gesamte Gebäude der Reparationspolitik und des Dawes-Plans auf dem Kriegsschuldartikel.[2] Auf die deutschen Zahlungen wollen und können die ehemaligen Kriegsgegner gegenwärtig nicht verzichten.[2] Zum anderen ist Poincarés eigene Vergangenheit maßgeblich für diese Haltung.[2] Ein Verzicht auf das Konstrukt der deutschen Kriegsschuld käme für ihn einer Selbstanklage gleich, da er seit dem Jahre 1912 auf eine Zuspitzung der europäischen Lage hingearbeitet habe.[2] Die Veröffentlichung deutscher diplomatischer Akten findet in der historisch geschulten Weltöffentlichkeit jedoch zunehmend Gehör und bestätigt das Diktum des früheren britischen Premierministers David Lloyd George, wonach die Völker in den Weltkrieg schlichtweg „hineingeschlittert“ seien.[2]
Die anhaltenden diplomatischen Verwicklungen veranlassen mittlerweile die britische Regierung zum Eingreifen.[3] Wie der Hong Kong Telegraph berichtet, bemüht sich der britische Außenminister Sir Austen Chamberlain gegenwärtig nachdrücklich, europäische Gegensätze zu überbrücken und Spannungen zu mildern.[3] Chamberlain nutzt seinen Urlaub, um sowohl mit dem italienischen Regierungschef Benito Mussolini als auch mit der französischen Diplomatie zu sprechen.[3] Die britische Politik ist weiterhin entschlossen, die verschiedenen Fraktionen zu einer konstruktiven Zusammenarbeit zu bewegen und so das Werk der europäischen Versöhnung zu erhalten.[3]
Ob diese Vermittlungsversuche die politische Erstarrung in Paris auflösen können, ist höchst zweifelhaft.[1] Es gilt als offenes Geheimnis, dass die Persönlichkeit Poincarés die gesamte französische Kabinettspolitik beherrscht und Briands Handlungsspielraum einschränkt.[1] Die Deutsche Allgemeine Zeitung zitiert abschließend die nüchterne Bilanz eines Pariser Mittagsblattes.[1] Darin heißt es, dass die deutsch-französische Annäherung unter den derzeitigen Bedingungen ihren bisherigen Charakter verloren habe.[1]