Im großen Saal des Wiener Konzerthauses wurde am Sonntag der erste Paneuropa-Kongress feierlich eröffnet.[1] Die Inszenierung der Veranstaltung hatte eine nahezu mystische Note: In halber Dunkelheit erklang zunächst eine Fuge von Johann Sebastian Bach auf der großen Orgel. Danach wurde in plötzlich aufstrahlendem Licht die hellblaue Fahne der Paneuropa-Bewegung enthüllt, die eine goldene Sonne und ein rotes Kreuz aufweist.[1] Die Estrade zierten gewaltige Porträts historischer Geistesgrößen, darunter Kant, Mazzini, Victor Hugo und Napoleon I., die nach Berichten des Le Temps allerdings teilweise etwas primitiv ausgeführt waren.[1]

Unter der Präsidentschaft des früheren österreichischen Bundeskanzlers Ignaz Seipel versammelten sich Delegierte aus 25 europäischen Staaten und Vertreter Amerikas, um die Vision einer staatlichen Neuordnung des Kontinents zu debattieren.[2][1] Dem Kongress war das Motto vorangestellt worden: „Jedes große historische begann als Utopie und endete als Realität.“[2] Die Veranstaltung soll einen ersten Schritt zur Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa markieren. Ziel ist es nicht, den Kontinent in Gegensatz zur übrigen Welt zu setzen, sondern die internationale Zusammenarbeit zu erleichtern.[2] Zu den Teilnehmern und aktiven Unterstützern der Bewegung gehören zahlreiche prominente Persönlichkeiten, darunter der deutsche Reichstagspräsident Paul Löbe, Albert Einstein, Graf Keßler und der frühere russische Ministerpräsident Alexander Kerenski.[2]

Wie Helsingin Sanomat meldet, hoben Löbe und der ehemalige Reichskanzler Joseph Wirth besonders die Notwendigkeit der deutsch-französischen Verständigung hervor, welche als Fundament eines neuen Europas gelten müsse.[3] Wirth fasste in seinen Ausführungen die Lösung des bilateralen Gegensatzes in die Worte: „Frankreich die Sicherheit, Deutschland die Freiheit.“[4] Der französische Delegierte François Delaisi entschuldigte das Fehlen prominenter französischer Parlamentarier wie Édouard Herriot und Joseph Caillaux. Er versicherte jedoch, dass das französische Volk von friedlichem Willen beseelt sei und dessen Hoffnungen sich eng mit der paneuropäischen Idee verbänden.[1]

Dass die ungelösten Konflikte der Nachkriegszeit dennoch im Saal gegenwärtig waren, zeigte sich rasch bei der Debatte um nationale Minderheiten. Der deutsche Abgeordnete Dr. Mittelmann (DVP) forderte unmissverständlich, dass die kulturelle Gleichberechtigung nationaler Minderheiten nicht bloß auf dem Papier stehen dürfe.[2] Er beantragte ein gemeinsames Vorgehen der Paneuropa-Bewegung mit der Interparlamentarischen Union und der Union der Völkerbundligen, um die Minderheitenrechte faktisch abzusichern.[4][2] Ein Zwischenfall ereignete sich, als der ungarische Delegierte Georg von Lukacs auf Französisch gegen den Friedensvertrag von Trianon und die Minderheitenpolitik des Völkerbundes protestierte.[1] Der frühere griechische Außenminister Nikolaos Politis griff als Sitzungsleiter sofort ein. Mit dem Beifall der Versammlung untersagte er jede tagespolitische Debatte, da der Kongress für solche Fragen nicht einberufen worden sei.[1]

Der zweite Verhandlungstag war ausschließlich den wirtschaftlichen Fragestellungen gewidmet.[4][2] Delaisi eröffnete die Beratungen mit einem Vortrag über eine europäische Zollunion, die nach seinen Berechnungen einen geschlossenen Markt von 250 Millionen Konsumenten schaffen würde.[4] Geheimrat Julius Wolf aus Berlin äußerte sich in seinem Korreferat sehr zuversichtlich hinsichtlich der Möglichkeit einer deutsch-französischen Zollunion und regte eine paneuropäische Zoll- und Handelskonferenz an.[4] Der österreichische Industrielle Dr. Siegfried Strakosch betonte, dass der Weg zum politischen Paneuropa zwingend über die wirtschaftliche Verflechtung und ein internationales Wirtschaftskomitee führen müsse.[4]

Die Bemühungen um eine wirtschaftliche Neuordnung werden in Wien zurzeit breit diskutiert. Fast gleichzeitig begann die Mitteleuropäische Verkehrstagung, bei der Handels- und Tariffragen ebenfalls auf der Tagesordnung stehen.[2] Altkanzler Seipel erklärte dort eindringlich, ein Land, das sich wirtschaftlich nach außen abschließe, müsse unweigerlich verdorren.[2] Den gesellschaftlichen Abschluss des gestrigen Tages bildete ein festlicher Empfang der Paneuropa-Delegierten durch Bundeskanzler Ramek im Schloss Schönbrunn. Dieser Empfang sollte die persönliche Annäherung der Vertreter fördern.[4][2]