Der Reichswehrminister Otto Gessler hat sich nunmehr veranlasst gesehen, eine offizielle Untersuchung über die Beteiligung des ältesten Sohnes des ehemaligen Kronprinzen an den Reichswehrmanövern in Württemberg einzuleiten.[1] Die Affäre schlägt in der Hauptstadt hohe Wellen, nachdem anfängliche Beschwichtigungsversuche der militärischen Stellen vollends in sich zusammengebrochen sind.[2] Wie die Kölnische Zeitung in einer detaillierten Nachzeichnung der Ereignisse schildert, versuchte der zuständige Truppenkommandeur zunächst, die unerfreuliche Angelegenheit durch ein striktes Dementi aus der Welt zu schaffen.[2] Als sich diese Darstellung nicht länger aufrechterhalten ließ, hieß es aus Militärkreisen beschwichtigend, der Hohenzollern-Spross habe den militärischen Übungen auf dem Truppenübungsplatz in Münsingen lediglich als unbeteiligter Zuschauer beigewohnt.[2]
Schließlich musste jedoch eingeräumt werden, dass der junge Prinz sehr wohl aktiv ins militärische Geschehen eingegriffen hatte.[2] Demnach wirkte er bei einem Pferdetransport mit. Dabei zog er sich einen rüden Anpfiff eines unwissenden Vorgesetzten zu, der die vornehme Herkunft seines Untergebenen nicht geahnt hatte.[2] Dieser augenscheinlich harmlose Vorfall zeigt eine militärische Neigung des Prinzen. Das wiederum löst bei republikanisch gesinnten Kreisen erhebliche Sorgen hinsichtlich einer Gefährdung der Staatsform aus.[2]
Das Hamburger Echo verweist in diesem Zusammenhang nachdrücklich auf die gravierenden politischen Implikationen.[1] Es steht nunmehr unzweifelhaft fest, dass der Prinz an den Übungen der Traditionskompanie des ersten Garderegiments teilgenommen hat.[1] Dem Blatt zufolge ergeben sich aus diesem Sachverhalt zwingende Konsequenzen, da der ehemalige Kronprinz vor knapp drei Jahren bei seiner Rückkehr aus dem niederländischen Exil in Wieringen eine eindeutige ehrenwörtliche Verpflichtung übernommen hatte.[1] Er hatte zugesichert, dass weder er noch seine Familienangehörigen gegen die Verfassung der Republik auch nur im Geringsten verstoßen würden.[1] Das Hamburger Echo zitiert in einem scharfen Kommentar den Vorwurf, ein Hohenzollernprinz habe „überhaupt nichts in der Reichswehr der Republik zu suchen“.[1] Selbst dann nicht, wenn er wider Erwarten bereit wäre, einen Eid auf die Fahne der Republik zu leisten.[1]
Die demokratische Presse richtet derweil scharfe Angriffe gegen den amtierenden Reichswehrminister, der dem Parlament zeitnah Rede und Antwort stehen muss, da er die Aufklärung verschleppt habe.[2] Gessler lässt über sein Ministerium versichern, dass er von der gesamten Angelegenheit erst aus der Morgenpresse erfahren und daraufhin unverzüglich eine genaue Untersuchung angeordnet habe.[2] Dennoch werfen ihm kritische Stimmen vor, er habe durch sein anfängliches Zögern den parteipolitischen Gegnern unnötig in die Hände gespielt.[2] Anstatt umgehend den sachlichen Hintergrund der alarmierenden Gerüchte zu klären, habe er die Entwicklung passiv abgewartet.[2]
Die parlamentarischen Wogen schlagen durch diesen Vorfall bereits hoch. Es wird in politischen Kreisen fest damit gerechnet, dass das Parlament in Kürze durch kritische Anfragen zu dem militärischen Auftreten des Prinzensohnes in Aufruhr versetzt wird.[2] Die kommunistische Fraktion im preußischen Landtag hat bereits eine äußerst scharf gehaltene Entschließung eingebracht, um die politische Verantwortung für diesen Eklat lückenlos zu klären.[1] Ob die nun vom Reichswehrministerium angekündigte Untersuchung allerdings handfeste Resultate oder gar Konsequenzen für die verantwortlichen Offiziere zutage fördern wird, wird von Beobachtern von vornherein bezweifelt.[2]